Von Sandra Trauner, 28.03.06, 11:29h
Außenstehende wissen nur selten Bescheid, die wenigen Eingeweihten sind irritiert bis belustigt. Doch renommierte Sexualforscher halten das Phänomen für durchaus real. Sie sehen die Liebe zu Gegenständen als eine Ersatzhandlung und als Indiz für das Auseinanderdriften von Sexualität und Fortpflanzung.
In der Fabrik, in der die 40-jährige Doro* ihren Lebensunterhalt mit dem Polieren von Metallteilen verdient, gibt es eine Maschine, die Rohre umformt. Doro nennt sie liebevoll Susi. Das weißlackierte Monstrum ist elf Meter lang und an die drei Tonnen schwer. "Manche stehen auf lange blonde Haare. Ich stehe auf massiven Stahl und einen Mix aus eckig und rund." Seit zwei Jahren geht Doro in ihren Pausen Susi besuchen, bewundert sie offen, streichelt sie heimlich. Zu Hause hat sie eine Nachbildung von Susis geliebtem Innenleben: ein Rohr, das in einen Zylinder hinein und wieder heraus fährt.
Joachim* liebt eine historische Eisenbahn. Die 1918 gebaute P8 steht in einem Museum, für zu Hause hat der Arbeitslose ein ein Meter langes Modell, das er "Schnuffeloma" nennt, aber sie ist ein schwacher Abklatsch. Die Original-P8, die bei ihren seltenen Fahrten stinkt und dampft und lärmt, empfindet der 40-Jährige als lebendiges Wesen mit einer gereiften Persönlichkeit. "Sie nimmt etwas zu sich, arbeitet und scheidet etwas aus - wie ein Mensch."
Andreas Hill, der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, hält Objektsexualität für eine Spielart des Fetischismus. Dieser werde definiert als sexuelle Fantasien und Handlungen, die den Gebrauch von unbelebten Objekten beinhalten. Krankhaft sei Objektsexualität nicht. "Das ist zunächst nur eine sexuelle Präferenz." Pathologisch werde Fetischismus erst, wenn er Leiden verursacht und das Sozialleben beeinträchtigt. Glaubt man den Betroffenen, ist das Gegenteil der Fall: "Susi hat geschafft, was bisher noch kein Mensch geschafft hat", sagt Doro. Sie macht mich glücklich."
Mandy* verehrt das World Trade Center. Obwohl sie erst 24 Jahre alt ist, liebte sie die Zwillingstürme schon vor ihrer Zerstörung. Sie besitzt hunderte Fotos, zig Video-Schnipsel und sechs Riesen-Puzzles, ein großes Holzmodell und ein kleines aus Metall. Wenn sie einen der beiden Viereinhalb-Kilo-Türme mit ins Bett nimmt, muss sie aufpassen, "dass es keine blauen Flecken gibt". Die im Fernsehen ewig wiederholten Bilder von der Zerstörung der Türme empfindet sie als körperliche Qual. Mandy ist stark sehbehindert, lebt sehr zurückgezogen und wartet auf einen behindertengerechten Job.
Anjas* Liebe zur Fähre "Seestern" ist eher platonischer Natur. Seit neun Jahren geht die 46-Jährige so oft wie möglich zum Hafen, genießt den Klang ihrer Motoren, ihr Schaukeln auf den Wellen, ihren Geruch. "Normalerweise muss ich den Eiffelturm zu Fuß rauf, um solches Herzklopfen zu bekommen, und jetzt behaupte noch einer, man könne sich nicht in ein Schiff verlieben." Die Model-Maße der Geliebten kommen wie aus der Pistole geschossen: 60 Meter lang, 13,44 Meter breit, 697 Tonnen schwer. "Ein Augenschmaus von einer Fähre, bei der im Gegensatz zu mir die Proportionen stimmen."
Hill, der als Oberarzt am Uniklinikum Hamburg noch keinen Menschen mit dieser Neigung behandelt hat, interpretiert Objektophilie als ein "Ausweichen in eine ungefährliche Beziehung". Die Liebe zu einem Ding ist für ihn eine Art Ersatz für ein anderes, nicht mögliches Sexualleben. "Man schafft sich eine eigene sexuelle Identität, indem man sagt: Ich bin objektophil." Tatsächlich hatten Joachim, Doro, Mandy und Anja niemals eine sexuelle Beziehung zu einem Menschen.
Viele Objektsexuelle stammen aus desaströsen Familienverhältnissen, wurden als Kinder geprägt von Gewalt oder Alkoholismus, von ihren Eltern vernachlässigt und abgelehnt. Zärtlichkeit haben sie nie erfahren, Körperlichkeit als Zudringlichkeit erlebt. Aber erklärt das alles? "Wenn eine unglückliche Kindheit die Ursache wäre, dann müsste es Millionen Objektsexuelle geben", kontert Joachim.
Joachim, Doro, Anja und Mandy können die Anfänge ihrer sexuellen Neigung bis vor die Pubertät zurückverfolgen. Als Jugendliche verliebten sie sich mal in dies, mal in das, aber nie in Menschen. Doros Herz schlug höher bei einem fein ziselierten Schräubchen an einem alten Fleischwolf oder dem Turm eines Schachspiels. Erste sexuelle Kontakte hatte sie als Sportschützin mit einem Luftgewehr. Als erwachsene Frau liebte sie zehn Jahre lang eine Baumaschine. "Ich bin streng monogam."
Mandys erste erotische Träume drehten sich um HAL, den Computer aus dem Film "2001". Sie fand ihn netter als die meisten Menschen. Dass sie für ihren ersten eigenen Computer mehr empfand als bloße Begeisterung, erkannte sie, als sie ihre Freundinnen von Jungs schwärmen hörte: "Da wusste ich: Was die erzählen von Jungs, das empfinde ich nur für Maschinen."
Joachims erste "Freundin" war eine elektronische Orgel, "mit ihr erlebte ich meinen ersten Sex". In seiner Zuneigung zu diesem Instrument, das er Rosalinde taufte, erfuhr er "zum ersten Mal etwas Ganzheitliches, etwas, das mir sowohl emotional als auch körperlich Erfüllung gab". Dass Anja trotz Abiturs in einer Fabrik arbeitet, hat ihr eine verflossene Liebe eingebrockt: Beim Ferienjob verliebte sie sich in eine Werkbank.
Der Frankfurter Sexualforscher Prof. Volkmar Sigusch hat in seinem jüngsten Buch "Neosexualitäten: Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion" geschrieben (erschienen im Campus Verlag, Frankfurt 2005). Er hält Objektophilie für die Vorhut einer neuen Lebensform. "Die Partnerwahl dieser Menschen ist ein Abgesang auf die Sexualität, wie wir sie kennen." Bisher habe Sex immer mit Fortpflanzung zu tun gehabt, in ferner Zukunft brauche man aber dank Reproduktionsmedizin und Klonen zum Kinderkriegen gar keinen Sex mehr. Damit werde die Gesellschaft offener für andere Beziehungen. Vielleicht könne man irgendwann seinen Hund heiraten - ein Hochhaus als Ehepartner aber kann sich selbst Sigusch nicht vorstellen.
Objektophilie spiegelt für den Forscher eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung wieder. Es gebe eine Tendenz, Lebendiges als Ding zu behandeln und Gegenständen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Das äußere sich in Formulierungen wie "ein sympathisches Bier", "intelligente Medikamente" oder "eine sterbende Region". Bei Umfragen, was ihnen am wichtigsten ist, würden immer mehr Menschen ihr Haustier oder ihr Auto nennen. Zum Teil habe diese Zuneigung durchaus erotischen Charakter: "Ich habe Männer beobachtet, die sich auf der IAA in einen Porsche geworfen haben mit allen körperlichen Anzeichen sexueller Erregung."
Obwohl Joachim seine Lok jeden Tag im Museum besuchen könnte, vermeidet er diesen "Gefühlsstress": "Ich werde dort zu stark damit konfrontiert, wie allein ich damit dastehe." Um Gleichgesinnte zu finden, gründete er 2002 das Internetforum objektophilia.de, über das sich inzwischen rund 20 Betroffene kennen gelernt haben. Doro geht am offensivsten mit ihrer Neigung um. "Meine Mutter mag ihre mechanische Schwiegertochter." In der Fabrik habe auch niemand etwas dagegen, solange sie dank Susi "mit einem Tritt in den Urlaub befördert werden".
Dass Objektophilen keine offene Ablehnung entgegenschlägt, spricht für einen Wandel in der Gesellschaft. "Es gehört ja heute schon fast zum guten Ton, dass man ausgefalleneren Sex praktiziert als Blümchensex", sagt Sexualforscher Hill und meint das durchaus kritisch. Es herrsche eine Art Leistungsdruck: "Alles ist normal, aber eigentlich ist das Normale schon nicht mehr normal." (* Namen geändert) (dpa)
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