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Das vertuschte Kernproblem

Von DIETZ BERING, 06.04.06, 07:12h

Das Ansehen des Lehrer-Berufs ist gering. Lehrer werden heutzutage in einer Weise demontiert, dass ein einigermaßen unangefochtenes Durchstehen vor den Klassen kaum noch möglich ist.

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Das Ansehen von Lehrern ist gering.
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Das Ansehen von Lehrern ist gering.
Nur ein Bewusstseinswandel ermöglicht eine grundlegende Besserung.

Mit der Schule muss es doch bald klappen! Erhitzte Debatten überall. Doch seltsam: Der Aktionismus nimmt zu, die Erfolge kaum. Den wichtigsten Grund dieses permanenten Misslingens will man einfach nicht offen legen. Dabei bringen ihn schon kleine Tests an den Tag. Man kann sich durch Erkundigungen bei Rechtsanwälten, Ärzten oder Wirtschaftsführern bestätigen lassen: Von einem bestimmten Grad der Arriviertheit der Eltern ist für junge Leute Lehrer werden keine adäquate Option mehr.

Oder man frage Universitätsprofessoren, wie oft auffällig begabte Studenten den Berufswunsch Lehrer geäußert und wie oft sie selber derart Aufgeweckten geraten haben: „Geh in die Schule; da werden Klasse Leute gebraucht.“ Die Verwirrung über eine dermaßen absurde Frage könnte man dazu nutzen, endlich offen auszusprechen, was das Bildungsunglück erzeugt: Unsere Wertehierarchie ist verlogen. In Wahrheit rangiert Formung „unseres höchsten Gutes“ ganz weit hinten.

Die bloße Aufdeckung des Kernproblems gibt kaum genügend Besserungsimpulse. Folgendes Verfahren könnte aber einen hinreichend tiefen Schock auslösen: Es schreiben alle Arrivierten der Republik und alle aus der Schule getürmten Lehrer ungeschminkt auf, warum sie auf keinen Fall 24 Stunden pro Woche vor Schülern stehen wollten.Die dann auftauchenden Gründe der schulflüchtigen Schreibtischpädagogen, der unterrichtsfernen Didaktiker, der Fortbildungsbeamten, der Lehrer, die sich in die Parlamente, die Kommunalverwaltungen verdrückt haben - werden sie eine wirkliche Überraschung sein? Nein, denn schon der Normalbürger sieht die Unerträglichkeiten des Lehrberufs in unserer Gesellschaft deutlich:

1. Wer will denn Lehrer sein, wenn er allein auf einer einzigen Leserbriefseite („Kölner Stadt-Anzeiger“, 27. Februar 2006) findet: „Mein Rat an die Eltern lautet, die Lehrkräfte . . . schon frühzeitig moralisch, ethisch und psychisch unter Druck zu setzen“; „so sind unsere Kinder . . . einer unerträglichen Machtwillkür der Lehrer ausgesetzt“; „habe ich außerdem festgestellt, dass Lehrer ihren Sympathien und Antipathien gegenüber Schülern freien Lauf lassen.“ So etwas zum Beispiel über die Rechtspflege gesagt, würde unweigerlich die Justiz auf den Plan rufen. Lehrer jedoch müssen bei Jung und Alt mit feixendem Applaus rechnen. Kurzum: Lehrer, ohnehin in der unteren Skala sozialer Wertschätzung, werden heutzutage in einer Weise demontiert, dass ein einigermaßen unangefochtenes Durchstehen vor den Klassen kaum noch möglich ist. Also will kaum ein Begabter dahin und schon gar keiner Geflüchteter wieder dahin zurück.

2. Wer möchte Lehrer sein, wenn er weiß: Unsere Gesellschaft setzt immer ungenierter auf wirtschaftlichen Erfolg, Konkurrenzwesen und Ankurbelung der Produktivität. Beim Anheizen des Konsums mit allen Mitteln werden nicht zuletzt die Jugendlichen in die Mache genommen. Was Gegengewichte, was personale Festigkeit schaffen könnte, überantworten wir der Erosion: die Familie, den sinnstiftenden abendländischen Kulturhorizont, die Hochachtung vor den musischen Fächern - Erosion also aller Ressourcen, die dem jungen Menschen Stabilität und Vertrauen in die gehaltvolle Lebbarkeit der Welt geben könnten. Die unvermeidlichen „Kollateralschäden“ dieses Destruktionsprozesses werden den Lehrern vor die Füße gekehrt. Sie sollen zusammenleimen, was die Gesellschaft zerbrechen lässt. Wer das täglich versucht, verdient höchsten Respekt.

3. Volksschullehrer hatten früher gar kein akademisches Studium. Bei den Gymnasiallehrern war es ein langer Kampf, bis Ebenbürtigkeit mit den geachteten Vollstudien (Jura, Medizin, Naturwissenschaften) so einigermaßen erreicht war. Das Bewusstsein, in der Sache mithalten zu können, einer Sache wirklich auf den Grund gesehen zu haben, das war das Fundament vieler hervorragender Lehrer. Die jetzige Bearbeitung der Universitäten mit der Abrissbirne, die Reduktion des Fachstudiums, die Aussortierung der Lehrer spätestens nach dem Mini-„Studium“ Bachelor, nach dem es dann vornehmlich um die Methodik und Didaktik eines Faches gehen soll, das die Lehrer gar nicht mehr wirklich beherrschen, eine solche Trivialisierung des Studiums wird den Lehrerberuf für wirklich Begabte noch unattraktiver machen. Die da nicht mitspielen wollen, haben den richtigen Instinkt: Unterricht kann keine Sozialmaßnahme sein, sondern er ist eine Bemühung, die vom Vertrauen getragen wird, dass dem Menschen vor allem eine ernsthaft erarbeitete, tiefe Kenntnis der Sachen und der Welt festen Boden unter die Füße bringt.

Solange die angeführten Fakten nicht schonungslos offen gelegt sind, kann man so viel hin und her reformieren, wie man will. Es wird immer bei ähnlichen Misserfolgen bleiben. Finnland mit seinen glänzenden Pisa-Ergebnissen - ja, da sind die Wertschätzungen anders. Wer den hochbegehrten Lehrerberuf nicht schafft, der muss halt Arzt oder Jurist werden. Jeder weiß da: Das Wort des Lehrers hat wirklich Gewicht, denn es ist getragen von der Achtung der gesamten Gesellschaft. Ein solches Bewusstsein kann man nicht herbeizaubern. Die hier eingeklagte schonungslose Offenheit ist erst Grundvoraussetzung für wirkliche Besserung. Sie weist einen deutlichen Weg: Umkehr der Wertschätzungen.

Heute ist es so: Will ein Lehrer irgendwie Karriere machen, dann geht das nur auf einem Weg: weg von den Schülern, weg vom Unterricht, hinein in die Bildungsbürokratien, hinter die Schreibtische oder in die Parlamente und dann auf Nimmerwiedersehen. Die Umstrukturierung muss Ernst machen mit der Tatsache, dass die Kinder unser höchstes Gut sind, der faktische Unterricht also allemal das Wichtigste, das Ranghöchste. Deshalb: die Lehrer, die tatsächlich und besonders gut unterrichten - eindeutig identifiziert auch von den Absolventen der jeweils letzten zehn Jahre - rücken deutlich nach oben. Sie stehen ranggleich neben dem Schulleiter und allemal höher als die nicht unterrichtenden Funktionäre. Wer der Hauptsache, dem Unterricht, den Rücken kehrt, steigt also ab, wie der Chirurg, der das Skalpell aus der Hand legt.



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