Von JÜRGEN OEHLER, 07.04.06, 07:11h
Wenn meine Bekannte Christine ganz, ganz früher vor 16 Jahren ihren kleinen Mac SE mit integriertem 9-Zoll-Bildschirm gestartet hatte, saß sie immer fasziniert davor, weil das kleine Symbolbild auf dem Monitor sie nicht nur anlächelte und die Schrift „Hallo Christine“ auf dem Monitor erschien, sondern weil der Bildschirm sich dabei in ein verschämtes blasses Rot verwandelte und damit ausdrückte: „Ich bin dein Freund, ich mag dich, ich helfe dir, wir gehören zusammen.“ Das machte den Mac früher schon aus, weil er so ganz anders war als ein sperriger PC ohne Emotionen, der zur Begrüßung allenfalls unendliche Zahlen und Buchstabenreihen produzierte.
Ein Mac ist immer privat. Und wer einen Mac besitzt, der sagt das auch. So ganz beiläufig, im Gespräch an der Bar. Wenn andere sich über irgendwelche Computerspiele unterhalten, dann kann der moderne Mensch, der etwas auf sich hält, sagen: „Ich mag Spiele nicht. Ich habe einen Mac.“ Er hätte natürlich auch sagen können: „Auf meinem Mac laufen die Spiele nicht“, aber Verzicht zugunsten von Design und einer innovativen Benutzeroberfläche hat einfach etwas Cooles.
Nein, ein Mac ist nicht nur cool. Jeder Grafiker weiß, dass man mit einem Mac einfach besser und effizienter arbeitet - weniger Abstürze, fast keine Virenprobleme, bessere Verarbeitung - deshalb haben die meisten ja auch einen. Genauso wie jeder Normalverdiener weiß, dass ein Mac einfach ziemlich teuer ist. Da kann auch der innovative Familienvater schwach werden und nur deshalb einen PC kaufen. Außerdem geben die Kinder dann wenigstens Ruhe, weil ihre Spiele eben nur über Windows laufen.
Wenn ich Anfang April die Sommerreifen zwecks Wechsels vom Dachboden hole, sitzt er ganz verstaubt in der Ecke, der gute alte flache Mac LC III, auch Pizza-Mac genannt, weil er Form und Größe einer Pizzaschachtel hat. Er sagt nichts, aber ruft doch. Und dann nehme ich ihn noch einmal für ein paar Stunden mit in mein Arbeitszimmer und schalte ihn ein. Da lacht mich das kleine Monitorsymbol mit breitem Mund an und hat überhaupt keine Probleme trotz Staub und Dreck so flink an den Start zu gehen wie vor zehn Jahren. Und er präsentiert seine Benutzeroberfläche, die so wunderbar einfach ist - nur für den Menschen gemacht. „Human interface“, die Maschine, die für den Menschen da ist.
Die Angst vor dem Wurm
„Der Tag danach - The Day After“: Auf www.mac-essentials.de debattieren die Fans von Apple die neuen Möglichkeiten, die der Mac in Zukunft bietet. „Ich bin vor einem Jahr auf Apple umgestiegen“, schreibt „Elderas“ und bekennt: „Ich habe das Betriebssystem von Anfang an geliebt.“ Und er wünscht sich, dass die Umsätze von Apple nicht zu sehr steigen, damit nicht so viele Leute einen Mac kaufen. Die Jünger wollen unter sich bleiben, unter sich in der geschlossenen Welt des Apfels, unter sich im Paradies der formschönen Rechner mit edlem Design. Aber immerhin über das Medienecho können sie sich freuen. Apple in den Schlagzeilen. Da jubelt @elmono: „»New York Times«, erste Seite, Mitte oben - das ist
Rock 'n' Roll.“
Die Mac-User sind eben anders. Sie bleiben treu. Auch wenn jetzt Windows auf dem neuen Mac läuft. Auch wenn jetzt die riesige Spielewelt offen steht. Aber sie haben Angst, dass Windows krank macht, haben Angst vor „Trojanern“, die das Innenleben des Macs zerstören, vor Viren, die hinterlistig mit Hilfe von Windows die heile Apple-Welt anfressen. Kai sieht das im Mac-Blog ganz symbolisch: „Wurm im Apfel.“
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