Von KERSTIN MEIER, 11.04.06, 07:22h
„Und, was willst du werden, wenn du groß bist?“ Das fragen gerne Tanten und Onkel, denen kein anderes Thema für einen gepflegten Smalltalk mit Vierjährigen einfällt. Doch während man damals noch selbstbewusst mit „Top-Model“ oder „Formel-1-Fahrer“ kontern konnte, wird die Sache mit zunehmenden Alter immer schwieriger. Und plötzlich ist die letzte Abiprüfung bestanden, der Sekt geleert, das Mathebuch verbrannt und immer noch keine Idee da, was jetzt passieren soll.
„Viele melden sich erst viel zu spät, nach dem Motto »Ich mach´ erst mal Abi und gucke dann weiter«“, meint Rolf Lachmann, der bei der Kölner „Agentur für Arbeit“ Abiturienten berät. Sein wichtigster Tipp für Oberstufenschüler ist deswegen: „Auf jeden Fall frühzeitig anfangen, sich zu informieren!“ Viele ignorierten das Thema gerade deswegen, weil sie wüssten, dass die Berufswahl eine schwierige Entscheidung ist. Aber Aufschieben hilft nicht und führt im schlimmsten Fall zu Kurzschlussreaktionen. „Da fangen dann Leute Hals über Kopf an, irgendwas zu studieren. Am Ende sitzen sie dann bei mir und sagen: »Ach, hätte ich doch bloß was anderes gemacht.«“, erzählt Angelika Gulder, Karrierecoach und Autorin des Buchs: „Finde den Job, der dich glücklich macht“.
Sie rät, im persönlichen Umfeld gezielt herumzufragen. Welche Erfahrungen machen Geschwister, Eltern und deren Bekannte in ihrem Job? „Solche Berichte aus der Praxis können einen großen Realitätsschock ersparen“, meint Gulder. Denn oft suchen sich Jugendliche ihren Job nach einer möglichst schicken Berufsbezeichnung aus, ergab eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung. Und „Webdesigner“ klingt einfach besser als „Gebäudereiniger“ - macht aber nicht zwangsläufig mehr Spaß.
Was wirklich hinter den cool klingenden Namen steckt, beweist nur der Praxistest. Irgendeinen Webdesigner kennt jeder - schließlich gibt es Theorien, dass man über ein paar Ecken sogar den Dalai Lama oder George Bush kennt. Und wenn das Gespräch mit dem Webdesigner gut läuft, sollten Berufsanfänger gleich mal fragen, ob nicht in den Schulferien ein zweiwöchiges Praktikum in ihrem Traumjob möglich ist. Eine solche Erfahrung hilft für die Entscheidung mehr als alle guten Ratschläge.
Mit denen sollten Abiturienten ohnehin vorsichtig umgehen. Erfahrungsberichte von Freunden und Verwandten sind zwar wertvoll, ihre guten Ratschläge aber immer persönlich gefärbt. Vor allem Eltern neigen dazu, ihre eigenen Wünsche auf den Nachwuchs zu übertragen: „Eltern sind oft sehr fixiert auf ihre eigenen Vorstellungen und wollen den Lebenstraum verwirklicht sehen, den sie selbst nicht realisiert haben“, hat Tim Prell beobachtet. Zusammen mit seiner Kollegin Barbara Rörtgen berät er Abiturienten und Studenten, aber auch Berufstätige, die eine berufliche (Neu-)Orientierung suchen. „Viele Entscheidungen entstehen aus dem Stressgefühl, nach dem Abitur sofort das Richtige finden zu müssen. Da entsteht ein großer gesellschaftlicher Druck, der keine Zeit lässt, herauszufinden, was einem wirklich liegt“, meint Rörtgen.
Aber wie finden Berufsanfänger heraus, was ihnen wirklich liegt? Schulnoten können eine erste Orientierung sein, aber genauso wichtig sind persönliche Interessen. „Vielleicht hat jemand den Weltjugendtag mitorganisiert oder ist Schülersprecher“, sagt Rolf Lachmann von der Kölner „Agentur für Arbeit“, „über solche Dinge kann man viel über die eigene Persönlichkeit herausfinden.“ Selbst der Job in der Frittenbude sollte dabei nicht unterschätzt werden: „Viele denken, so etwas sei nichts wert, dabei lernt man sich auch bei solchen Jobs ganz anders kennen als in der Schule.“
Für alle, die mit dem Grübeln über die eigenen Stärken und Schwächen alleine nicht weiterkommen, gibt es im Internet Fragebögen und Tests, die eine erste Orientierung bieten. Furchtbar gestaltet, aber hilfreich und kostenlos ist die Seite „berufswahl-tipps.de“. Hier gibt es unter anderem einen Katalog mit Fragen zur Selbstbeurteilung. Wie wichtig ist mir Sicherheit? Sollte mein Beruf später mit Kindern vereinbar sein? Kann ich mir vorstellen, fürs Studium in eine neue Stadt zu ziehen? Ehrliche Antworten auf solche Fragen sind Pflicht beim Start ins Berufsleben.
Ganz neu ist das „Borakel“ - ein ebenfalls kostenloser Online-Test der Uni Bochum für Studium und Beruf. Nach etwa drei Tagen erhalten die Teilnehmer ein Gutachten mit Empfehlungen zur persönlichen Berufslaufbahn. Wer danach immer noch keine Idee hat, kann es mit dem Ausschlussverfahren probieren: „Leichter, als zu sagen, was man gerne macht, fällt den meisten, auszuschließen, was sie auf keinen Fall wollen“, so Lachmann.
Zugegeben, ganz ohne Stress wird so eine Entscheidung nicht zu treffen sein. Aber wenigstens ist es entspannend zu wissen, dass es erstmal nur um eine Weichenstellung geht. Bis zur Rente übt heute kaum jemand mehr denselben Beruf aus - Top-Models und Formel-1-Fahrer sowieso nicht.
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