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„Running Scared”: Unter Wölfen

Von MICHAEL KOHLER, 13.04.06, 11:14h, aktualisiert 19.04.06, 22:17h

Wayne Kramer kreuzt in "Running Scared" das Actionkino mit Motiven des Grimm´schen Schreckensarsenals. Eine Odyssee durch die finstere Nacht einer angsterfüllten Kindheit, wie man sie im Kino lange nicht mehr gesehen hat.

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Szene aus dem Film "Running Scared".
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Szene aus dem Film "Running Scared".
Es ist Nacht, und der junge Ausreißer ist ganz allein. Keine Gretel begleitet ihn, kein Kiesel strahlt im Mondlicht, nur die reißenden Tiere lauern im Gehölz. Gerade hat Oleg (Cameron Bright) seinen gewalttätigen Stiefvater mit einer gestohlenen Pistole angeschossen und auf einem alten Fabrikgelände Schutz gesucht. Doch das Lager ist bereits vergeben: Ein Junkie nimmt dem Jungen seine Waffe ab und nötigt ihn, beim Überfall auf einen Drogenhändler mitzuhelfen. Es gibt ein tödliches Handgemenge, dem der Zehnjährige mit knapper Not entkommt - den Revolver nimmt er mit. Als nächstes begegnet er einem Zuhälter, der eine seiner „Angestellten“ auf offener Straße malträtiert. Erst kommt Oleg ihr zu Hilfe, dann sie ihm, und schließlich gehen sie gemeinsam ein Stück des Weges, bis eine Razzia die beiden trennt. Oleg wird in Polizeigewahrsam genommen, aber deswegen ist er noch lange nicht in Sicherheit.

Das Actionkino ist eigentlich kein Ort für Kinder, es sei denn als Mündel einer Dramaturgie von Verbrechen und Rettung. Der Sohn oder die Tochter des Helden wird entführt - danach ist kein Blutzoll mehr zu hoch, um die Verbrecher ihrer als gerecht empfundenen Strafe zuzuführen. Ungleich interessanter behandelt Wayne Kramer in „Running Scared“ die Kinderfrage, wenn er seiner auf Hochspannung getrimmten Handlung den doppelten Boden einer traditionellen Lesart einzieht. Eine solche Odyssee durch die finstere Nacht einer angsterfüllten Kindheit hat man im Kino lange nicht mehr gesehen. Und spätestens als der Junge in einem modernen Hexenhaus gefangen ist, ahnt man, dass unter den Straßen von New Jersey der Humus des Grimm'schen Märchenwaldes liegt. Ein Teufelskreis der Gewalt deutet sich an: Auch in den meisten erwachsenen Figuren flieht ein Kind vor seiner traumatischen Vergangenheit.

Die halbe Strecke seines Films hält Kramer mit seiner märchenhaften Botschaft hinterm Berg. Bis dahin könnte man „Running Scared“ dank seiner zeitlich dicht gedrängten und in mehrere Stränge aufgeteilten Handlung auch für eine Kinoadaption des Serienerfolgs „24“ halten. Dass unsere Gesellschaft ein unwirtlicher Ort ist und der Realismus des Märchens ein legitimes Mittel, ihre Gräuel zu beschreiben, darf man getrost für Wayne Kramers Überzeugung halten. Wie im Märchen sind auch in „Running Scared“ logische Aussetzer und psychologische Kurzschlüsse zu finden - ganz zu schweigen von der charakterlichen Überzeichnung sämtlicher Figuren.

Doch kann man die These, dass diese Welt nicht für Kinder geschaffen wurde, trefflicher illustrieren als mit Motiven aus dem Schreckensarsenal der Gebrüder Grimm? Wenn man sich fragt, warum deren weltberühmte Hausmärchen so grausam sind, stößt man entweder auf ihren historischen Kern, den Dreißigjährigen Krieg, oder auf die menschliche Natur als solche. Jeder ist in „Running Scared“ dem anderen ein Wolf - und keine Figur bleibt davon ausgenommen. Selbst in dramaturgischen Verschnaufpausen wie intimen Momenten zwischen Eheleuten, einer väterlichen Einstimmung auf das Wochenende oder einem Abendessen am Familientisch spürt man die Atmosphäre unterschwelliger Gewalt.

Nach der boshaften Romanze „The Cooler - Alles auf Liebe“ und seinem Drehbuch zu Renny Harlins Serienkiller-Planspiel „Mindhunter“ erweist sich Wayne Kramer auch in seinem vierten Spielfilm als galliger Porträtist der menschlichen Gesellschaft. „Running Scared“ ist ein düsteres Werk und ein klassisches Beispiel dafür, wie man seine Weltanschauung in einen Genrefilm verpackt.

Beides scheint im jungen amerikanischen Kinojahr nicht allzu gefragt gewesen zu sein, denn sowohl an der Kinokasse wie bei der Kritik ist Kramers filmisches Kleinod durchgefallen. Bleibt zu hoffen, dass die Karriere des Autors und Regisseurs nicht zu Ende geht, bevor sie richtig begonnen hat. Denn auf dem Weg zur bleibenden Erzählkunst fehlt Kramer tatsächlich noch ein Stück. Für eine Reflexion der Gewalt und ihrer Auswirkungen nimmt er die filmischen Mittel etwas zu sorglos in die Hand - um nicht zu sagen, dass ihm seine Faszination für die Tugenden des Actionkinos manchmal in die Quere kommt. Kramer hätte sein „Es war einmal ...“ auch weniger atemlos entfalten können.



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