Von ANJA KATZMARZIK, 19.04.06, 22:30h
Der Meister sieht müde aus. Im bequemen Hausanzug und unrasiert steht HA Schult in der Morgensonne vor einer alten Fabrikhalle nahe der Autobahn zwischen Köln und Bonn. „Worum geht's?“, sagt er knapp. - Worum es geht? Um eine der größten Kunstaktionen Kölns mit erwarteten einer Million Besucher.
Von morgen an wird die Domplatte zum Stützpunkt von HA Schults „Trash People“-Armee. Die 1000 lebensgroßen „Müllmänner“, die schon den Roten Platz in Moskau, die Chinesische Mauer, die Pyramiden von Gizeh und das Matterhorn gesehen haben, werden bis zum 1. Mai auf dem Roncalliplatz aufmarschieren.
Ihr derzeitiger Aufenthaltsort sieht unscheinbar aus, beinah baufällig. Die genaue Adresse unterliegt strengster Geheimhaltung. Zu groß die Diebstahlgefahr für die Figuren, die im Verkauf 6000 Euro pro Stück kosten und „Wartezimmer, Vorstandsbüros und Buden von Studenten, die auf Raten zahlen“ schmücken. Andere Kunstwerke pausieren hier zwischen Gastspielen oder warten auf Käufer. Bis zu 40 Mitarbeiter sind mit Restaurieren und vorbereitenden Arbeiten für Aktionen sowie den Transport von Leihgaben - wie kürzlich für das Centre Pompidou in Paris - beschäftigt. Technischer Leiter Edmar Schild, der auch die Weltkugel wartet, hat die Oberaufsicht.
„Das Marmorauto wird gerade für St. Petersburg restauriert“, erklärt Schult. Nebenan ist sogar der „Kölner Dom“ eingelagert - eine Skulptur aus Ford-Ersatzteilen, die im Herbst in New York zu Gunsten von Waisen des 11. September versteigert werden soll. Der „Sky Man“ wartet auf seine Schenkung an den Flughafen Köln / Bonn.
„Egal wo meine Figuren auf der Welt sind“, sagt Schult und macht eine rhetorische Pause, „ . . .hier sind sie zu Hause.“ Ihre „Wohnung“ entspricht dem Künstler-Klischee: Hier staubt es, da zieht es. Angebrochene Silikon-Kartuschen, Bohrer, Holzscheite, Sprühfarben, Klarlack und Berge von Luftpolsterfolie verbreiten kreatives Chaos. Dazwischen stehen Hunderte Müllmenschen. Die 1000 Ausstellungsstücke warten bereits fest verschnürt in Containern - „Asylanten der Konsumzeit“, nennt Schult sie auch. Im „Lazarett“ wurden die Figuren „extra fein gemacht“. Entstaubt, auf „Verletzungen“ geprüft und verladen warten sie auf ihren Abtransport Richtung Roncalliplatz heute Nachmittag. Nur blank geputzt wurden sie nicht. „Rost gehört zum Programm“, meint der Meister.
Aber kommen die Kölner mit der Kunst klar? Immer habe er sich davor gescheut, die Müllkunst in ihrer Heimatstadt zu zeigen. „Ich will den Kölnern ja auch nicht auf die Nerven gehen.“ Doch der Bitte von Oberbürgermeister Fritz Schramma kam er gerne nach - bevor die Müllmenschen weiterreisen bis zu ihrer vorerst letzten Station. In der Antarktis.
Eine Stadtrundfahrt mit HA Schult („Trip in die Seele der Domstadt“) startet am 29. und 30. April jeweils um 11 Uhr bei Köln-Tourismus. Restkarten für 50 Euro dort und unter Ruf 02 21 / 221-304 00.
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