Von INA HENRICHS, 27.04.06, 09:49h
„Das geheime Leben der Worte“ von Isabel Coixet ist ein Film über eine Annäherung, die ohne Grenzüberschreitungen nicht möglich wäre. Die Regisseurin und Autorin hat einen schwierigen Fall konstruiert. Es ist aber sehr wohl ein realistisches Rätsel um eine Frau, die sich hohl gemacht hat, die es nur mit Routine durch den Alltag schafft - mit Hühnchen, Reis und Apfel, jeden Mittag. Die sich ansonsten mit vier Wänden umgibt, die zeigen, dass sie sich ganz in sich zurückgezogen haben muss. Coixet lässt sie anfangs komisch wirken, wie einen der vielen Freaks dieser Welt, die man eben so hinnimmt. Und so ist das Fesselnde an der Geschichte die Ahnung, die sie fortwährend nährt: dass es doch Sinn ergibt, sich einzumischen. Ansprechen, nicht in Ruhe lassen - bis am Ende selbst jemand wie Hanna über sich reden kann.
Es ist der fünfte Film der Spanierin, die, wie sie selber sagt, seit ihrer Kindheit über den Tod nachdenkt - und auch darüber reden will. Das hat sie in ihrem vorigen Film getan, rührend, fast sentimental in „Mein Leben ohne mich“. Und auch diesmal will sie das Schweigen brechen, wieder über den Tod, nicht aus Neigung zu morbidem Kult, vielmehr aus Lebenslust.
Hoffnungsvoll und mutig muss der Film deshalb enden. Nach allem, was an individuellen wie gesellschaftlichen Katastrophen zunächst in krankhafter Zurückhaltung zum Ausdruck kommt, steht die Liebe - nicht als heilsame Kraft, kitschig. Sondern als eine, die das Leben unter diesen Umständen einigermaßen erträglich macht.
Anders ist es nicht zu deuten, es wäre auch peinlich: Als Historikerin - Gegenwartsgeschichte hat sie studiert - lenkt Isabel Coixet nicht leichtfertig den Blick auf ein schwieriges Schicksal, das sie exemplarisch gegen das Vergessen eines Gräuels setzt, das aus dem Bewusstsein schon verschwunden scheint. Hanna ist eines der Opfer der Jugoslawienkriege. Genaue Zahlen der Vergewaltigungen finden sich heute nirgends, nur der Hinweis darauf, dass sie systematisch geschahen und dass viele Frauen, die darüber berichten könnten, umgebracht wurden.
Hanna lebt nun so ein Leben, das ihr zufällig blieb. Das sie ihrer toten Freundin schuldet und doch nur erduldet. Beliebig, so zeigt Coixet, wird damit ein Dasein, auch der Aufenthaltsort - also schickt sie Hanna nicht in den Karibik-Urlaub, sondern irgendwohin. Auf eine Bohrinsel vor Irland, wo sinnbildlich das Refugium vieler Leute ist, die für sich bleiben wollen, aber nicht bleiben sollten. Bei dem Versuch, das Leiden authentisch, niemals penetrant darzustellen, setzt Coixet auf die eindrucksvolle Wandungsfähigkeit der kanadischen Schauspielerin Sarah Polley. Als Hanna kann sie die Vergangenheit durch ihre stumm-schroffe, dennoch liebenswerte Art erahnen lassen. Für die Rolle des Patienten, der flapsig und forsch die fremde Frau aus der Reserve lockt, hat Coixet den großartigen Tim Robbins gewinnen können.
Coixet dreht ihre Filme zumeist auf Englisch. Dies ist aber ein durch und durch spanischer Film. Unabhängig produziert von Regisseur Pedro Almodóvar und dessen Bruder Agustín, gehört er zu den Filmen, die mit wenig Geld und gutem Skript derzeit Erfolge feiern. Vier Goyas gewann das Werk für den besten Film, die beste Regie, die Produktionsleitung und das beste Originaldrehbuch - das weitestgehend auf die Wirkung der Worte vertraut. Die entscheidenden Bilder des Grauens entstehen für alle nur im Kopf - auch die jener Wunden, die ein ganz normales Leben schlägt. Die Schmerzen verbinden - und machen in diesem Fall einen Neuanfang möglich.
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