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Lust am Leben

Von JULIA FRANCK, 27.09.11, 07:03h

Die Demokratie fördert den Anspruch, alles zur selben Zeit haben zu wollen. Tatsächlich sind die Herausforderungen an die moderne Frau in Westeuropa zahlreich und nicht einfach, nach Meinung von Julia Franck.

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Julia Franck
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Julia Franck
Die Demokratie fördert den Anspruch, alles zur selben Zeit haben zu wollen.

Ob in den Familien vor hundert Jahren größere Harmonie herrschte, weiß ich nicht, wage es aber zu bezweifeln. Dass die Frauen vor hundert Jahren weniger ausgelaugt und erschöpft waren als heute, halte ich für eine schöne und falsche Idee. Dagegen spricht auch das nicht größere Wohlergehen mancher Frauen in Kulturen, die auf die Einhaltung des klassischen Rollenverhältnisses peinlich achten.

Tatsächlich sind die Herausforderungen an die moderne Frau in Westeuropa zahlreich und nicht einfach, geschweige denn im ständigen Glücksrausch zu bewältigen, wie Iris Radisch jüngst in der „Zeit“ und nun auch Eva Herman im „Cicero“ auf sehr unterschiedliche Weise zu bedenken geben. Doch lässt sich als Schuldige nicht allein die Emanzipation entlarven, vielmehr ist die Staatsform Demokratie ehrenvoller Stifter für ein Leben „ihrer“ und „seiner“ Wahl. Mein Anliegen ist es nicht, mich über „lila Latzhosen“ zu echauffieren, Moden gab es zu jeder Zeit und zu jedem Anlass. Für mich steckt auch die Potenz des Mannes nicht im Anzug oder Bart. Die Werte, die Demokratie und Emanzipation geschaffen haben, sind für mich zweifellos große, ohne sie hätte ich keinerlei Bildung erfahren und könnte mir wohl kaum aussuchen, mit welchem Mann oder welcher Frau ich heute mein Bett und meine Gedanken teile.

Für mich ist es nicht, wie Herman vermutet, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, die mich arbeiten und Kinder kriegen lassen. Im Gegenteil, ich gestehe, beides hat seinen Ursprung in der puren Lust am Leben. Wissensdurst und die Freude, mit Kindern zu leben, haben mich einst einen Teil meines Studiums mit der Arbeit als Kindermädchen Geld verdienen lassen. Inzwischen gehören Beruf und Kinder zu meiner Verantwortung, die ich tagtäglich im Dauerstress meistere. Mit meinem Beruf ernähre ich meine Kinder. Würde ich es nicht tun, könnte es kein Vater, sondern läge ich dem Staat auf der Tasche. Hätte ich mich gegen meine Kinder entschieden, wäre ich heute unglücklich. So bin ich Tag für Tag angespannt, fürchte, die laufende Arbeit nicht zu bewältigen, zu spät zur Krippe zu kommen und eins der Kinder mit zwei verschiedenen Socken in den Kindergarten gebracht zu haben. Die Welt geht unter. Da muss ich nicht an übernatürliche Kräfte glauben, wie Herman vermutet, sondern Kräfte mobilisieren, wie es Menschen in Hungersnöten und in Nachkriegszeiten, schlicht unter den Bedingungen des Lebens hierzulande vor Jahrzehnten und andernorts zu jeder Zeit ebenfalls versuchen. Das Leben ist schon ein Wahnsinn. Aber wer glaubt, die Frauen hätten vor hundert Jahren ein Leben als Königin Mutter geführt oder wären glücklicher ohne Bildung und Brot, als Mutter allein, der trete seine Zeitreise an.

Vermutlich würde ich mit Hartz IV etwa dasselbe Geld zur Verfügung haben wie unter diesen Umständen, wo ich meine zwei Kinder und mich vom Schreiben weitgehend allein ernähre. Aber wäre mein Leben wirklich ruhiger, und wären meine Kinder glücklicher? Kinder sind in meinen Augen kein Ersatz für das, was ich neben der Erwirtschaftung unserer Existenz im Beruf erfahren kann. Ebenso wenig kann mir jemals der Beruf das Glück verschaffen, das ich empfinde, wenn ich meinen Kindern Geschichten vorlese, mit ihnen koche und ihnen das Fahrradfahren beibringe. Selbst das Fahrradfahren muss ich streng genommen der Emanzipation danken, das Schwimmen, das Schreiben, das Lernen. Die Alternative, mir einen Mann mit gutem Einkommen als Versorger an die Seite zu stellen, existiert nicht. Die Kriterien nach denen ich einen Menschen liebe sind emotionaler und geistiger Natur, nicht mehr wirtschaftlicher.

Gegen die Vermutung, dass die Kinder berufstätiger Frauen verwahrlosen, muss ich mich hier wehren. Meine Kinder zeigen zum Glück keine Entwicklungsrückstände und Verhaltensauffälligkeiten. Es ist ein fataler Fehler zu glauben, Entwicklungsrückstände wären eine Folge temporärer Abwesenheit von Müttern durch deren Beruf.

Gewiss lässt fehlende Zuwendung einen Menschen erkranken. Wer aber behauptet, dass die nur in Maßen gebildete Mutter mehr Zuwendung spenden kann als die berufstätige? Selbst Tochter einer ehemals berufstätigen, alleinstehenden Mutter und schließlich über Jahrzehnte von der Sozialhilfe lebenden Frau, möchte ich darauf hinweisen, dass ich die Zeit, in der meine Mutter gearbeitet hat als eine weit fröhlichere und stärkere in Erinnerung habe, als die Zeit danach. Um die Wahrheit zu sagen, ich empfand es als Zumutung eines Tages von früh bis spät einer Mutter ausgesetzt zu sein, deren beruflicher Weg abgebrochen war, die mir unglücklich erschien und die mir keine neuen Schuhe und auch keine Schulbücher kaufen konnte.

Einfach ist dieser Spagat zwischen Beruf und Kindern deshalb nicht, er macht mich nicht zu einer besseren oder schlechteren, geschweige denn zur richtigeren Frau als diejenige, die sich ausschließlich für das eine oder andere entschieden hat. Natürlich kann ich nicht zu jedem Babyschwimmen gehen, kann einen Großteil der Einladungen zu Lesungen nach China und Island und sonstigen beruflichen Verlockungen und Verdienstmöglichkeiten nicht nachkommen - ganz zu schweigen von der so genannten Freizeit. Aber für mich ist dieser mittlere und beschwerliche wohl der einzig denkbare und gewiss der glücklichste Lebensweg. Schließlich kommt nach achtzehn Jahren Kindern doch eine immer länger währende Zeit, in der ich mein drittes Studium aufnehmen und mal wieder Beethovens „Pathétique“ im Konzertsaal lauschen kann.

Meines Erachtens ist nicht fehlende „Bemutterung“ berufstätiger Frauen der Grund für die soziale Verwahrlosung, die übrigens nicht nur bei den Kindern und ihren Schuluntersuchungen, sondern auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft auffällig ist. Wir sind eine hochzivilisierte Gesellschaft, die Dank der Demokratie einen großen Anspruch fördert, wir wollen alles und das zur selben Zeit. Wir wollen nicht nur Beruf und Kinder, wir wollen auch Zeit zum Lesen, Träumen und für viele von uns ist das Einkaufen und die Imagepflege, der Beauty-Wahn wesentlicher Bestandteil des Begehrs. Dennoch verurteile ich nicht meine kinderlosen Freunde, die Klettertouren im Himalaya machen, vom Sofa aus in die Ferne sehen, tanzen gehen und auf das zweite Studium noch ein drittes setzen. Wie könnte ich? Es gibt gewisse Anteile in mir, die das von Herzen verstehen. Niemals wollte ich mich hier als Hexe betätigen und ihnen Gram und Bitterkeit im Alter prophezeien. Das ist keine Frage und gewiss kein Konkurrenzkampf zwischen Männern und Frauen, sondern eine Frage der gegenseitigen Anerkennung, der Nächstenliebe und der Neugier an der Welt.

Die Emanzipation wie auch die deutsche Kinderlosigkeit ist weder bedauernswert noch verurteilenswert. Unsere Hochkultur hat ihren Zenit überschritten, ist das ein Grund zum Jammern? Mir erscheint es ehrenhafter, sich auf diese Weise von der Landkarte zu stehlen, als die Reproduktion der eigenen Nation (sprechen wir vom genetisch Deutschen, wenn wir von unserer Kinderlosigkeit sprechen?) als höchstes Gut anzunehmen und zur besseren Expansion weitere Kriege anzuzetteln. Leider hat die klassische Rollenaufteilung im Gegensatz zu Hermans frohgemuter Annahme noch nirgends auf der Welt zu dauerhafter Harmonie und zu Frieden geführt, weder in der Familie noch in der Gesellschaft.



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