Von HENNING HOFF, 04.05.06, 19:35h
London - So hatte sich der 20-jährige Ryan Wilson die vergangenen acht Wochen sicher nicht vorgestellt. Mit umgerechnet 3000 Euro, schnell verdient bei einem Medikamententest, wollte er den Führerschein machen und in Urlaub fahren. Doch der Test mit dem neuartigen Wirkstoff TGN1412, einem so genannten monoklonalen Antikörper, endete am 13. März nach kurzer Zeit auf der Intensivstation des Northwick-Park-Hospitals im Nordwesten Londons.
Das Medikament, erstmals an Menschen erprobt, sollte Komponenten des Immunsystems aktivieren und Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose und Leukämie heilen helfen. Bei den sechs Teilnehmern - gesunden, jungen Männern zwischen 19 und 35 Jahren - führte es dagegen zu multiplem Organversagen. Ihre Arme und Beine schwollen an. Wilson traf es am schlimmsten. Drei Wochen lang lag er im Koma und schwebte in akuter Lebensgefahr.
Doch den Ärzten gelang es, alle Patienten zu retten. Anfang April konnten fünf von ihnen entlassen werden. Nur Wilson blieb. Er muss zwar nicht mehr um sein Leben fürchten, wohl aber um seine Zehen und Finger. Sie seien schwarz angelaufen, wie bei Erfrierungen, sagte er in einem Interview. Niemand weiß, ob sie nicht amputiert werden müssen. Die anderen Männer leben wieder zu Hause, in „unterschiedlichen Stadien der Erholung“, wie Anwalt Gene Matthews erklärt. „Einmal die Woche gehen sie ins Krankenhaus zur Blutkontrolle. Sie fühlen sich schwach und geistig langsamer. Keiner sagt von sich, er sei wieder der Alte.“ Arbeiten kann derzeit niemand von ihnen.
Was zu dem Unglücksfall geführt hat, ist bis heute unklar. Die Würzburger Herstellerfirma TeGenero und das multinationale Unternehmen Parexel, das die Tests durchführte, betonten stets, dass die heftigen Reaktionen völlig unvorhersehbar waren, alle Vorschriften und Vorsichtsmaßnahmen seien eingehalten worden. Das bestätigte auch die britische Arzneimittelzulassungsbehörde. Nun soll eine Expertengruppe, angeführt von Gordon Duff, Professor für Molekularmedizin an der Universität Sheffield, den Vorfall weiter untersuchen. Bis zum Sommer erwarten die britische Gesundheitsministerin und die Regierung einen Zwischenbericht. Danach soll entschieden werden, ob solche Tests weiter zugelassen werden.
Für die sechs Betroffenen hat derweil das Ringen um Entschädigung begonnen, die ihnen auf Grund einer vor Testbeginn unterzeichneten Vereinbarung zusteht. Vier der Männer erhielten vorläufige Übergangshilfen in Höhe von umgerechnet 15 000 Euro. Die Anwälte schätzen, dass bis zur endgültigen Einigung für alle Betroffenen bis zu zwei Jahre vergehen können. „Große Sorge“ bereite ihnen derzeit die Höhe der Versicherungssumme. „Der Test war nur mit umgerechnet etwa drei Millionen Euro versichert“, sagt Gene Matthews, „das klingt erst einmal viel, aber wenn man bedenkt, dass die sechs möglicherweise ihr Leben lang rund um die Uhr versorgt werden müssen, sollte mindestens das Doppelte oder Dreifache zur Verfügung stehen.“
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