Von KERSTIN MEIER, 10.05.06, 07:14h
„99 Luftballons“ von Nena - das kannte die Künstlerin Joanne Moar schon als Kind. Aber „Da Da Da“ von Trio? Oder „Ich will Spaß, ich geb Gas“ von Markus? Jeder, der die 80er Jahre in Deutschland verbracht hat, kann zumindest die Refrains mitsingen. Aber bis nach Neuseeland ist die „Neue Deutsche Welle“ nie geschwappt. Dort ist Joanne Moar aufgewachsen und dort hat sie später Kunst studiert. Dann bekam die 34-Jährige ein Stipendium für die Kunstakademie in Düsseldorf. Und plötzlich war da dieses Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. „Ich konnte die Sprache“, erzählt Moar, „aber ich habe gemerkt, dass das nicht reicht, um mich »deutsch« zu fühlen“.
Die Frage, was „Deutschsein“ eigentlich bedeutet, beschäftigt die Neuseeländerin seitdem in ihren künstlerischen Arbeiten. Und schließlich wurde aus dem Thema sogar ihre Diplomarbeit. Die schrieb Moar nach ein paar Semestern in Düsseldorf an der Kölner „Kunsthochschule für Medien“. Am 12. Mai bekommt sie dafür den „Digital Sparks Award“ für studentische Medienprojekte, den das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie verleiht.
„Becoming German“ heißt das preisgekrönte Projekt - „Deutsch werden“. Schnell wurde der Neuseeländerin klar, dass es dafür nicht reicht, Sauerkraut zu essen. Auch die Kunst, den Konjunktiv fehlerfrei zu formulieren, brachte sie nicht weiter. Schließlich entschied sie: Was Zugezogene wirklich von Deutschen unterscheidet, ist die Kindheit. Denn diese Erinnerungen kann ein Fremder nie nachholen - egal wie gut er Deutsch lernt, egal wie gut er sich mit deutscher Musik oder deutscher Literatur auskennt.
Die Künstlerin begann, deutsche Kindheit in einer Datenbank zu sammeln. Dafür befragte sie im letzten Jahr Hunderte von Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind. „Was war dein Lieblingsstofftier?“ will Moar wissen. „Wie oft bist du umgezogen?“ „Welches Essen mochtest du überhaupt nicht?“ Den ganzen letzten Sommer über fuhr Moar mit Laptop und Klapptisch durch Deutschland und sammelte Geschichten.
Bekannte hatten sie gewarnt: Die Deutschen seien sehr verschlossen. Aber Iserlohner, Gütersloher, Dresdener und auch die Menschen in Moars Heimatstadt Köln berichteten sehr gerne von der Zeit, als sie in Winnetou-Bettwäsche schliefen und ihre Milchzähne in kleinen Döschen sammelten.
Wer Joanne Moar nicht persönlich begegnet, kann ihre Fragen auch auf ihrer Website „ www.becoming-german.de“ beantworten. Auch Menschen, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, können dort ihre Eckdaten eingeben. Dann können sie den Bericht einer deutschen Kindheit lesen, die zu ihren Angaben passt - und dabei ein bisschen deutscher werden. 11 300 Einträge hat Joanne Moar inzwischen schon gesammelt, täglich werden es mehr. Jetzt denkt sie darüber nach, eine neuseeländische Datenbank zu erstellen - damit auch Deutsche ein bisschen neuseeländischer werden können.
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