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„Funkhaus Flowsdorf”

Von CHRISTINE BADKE, 13.05.06, 07:15h

Mechernich-Floisdorf - Im alten Floisdorfer Gasthof Esser lebt heute eine experimentelle Musikerkommune. Derzeit sucht man noch nach einem dritten Kommunarden.

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Im ehemaligen Gasthof Esser lebt die Musikerkommune.
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Im ehemaligen Gasthof Esser lebt die Musikerkommune.
Derzeit sucht man noch nach einem dritten Kommunarden.

Mechernich-Floisdorf - Neben der Tür im Schankraum hängt das Jugendschutzgesetz. Der große Holztisch am Fenster bietet einer großen Runde Platz und Sicht durch das Fenster. Einladend wirkt auch die glänzende Zapfanlage auf der Theke. Viele Floisdorfer wollten anfangs in den „Gasthof Esser“, dessen Schriftzug immer noch das Gebäude ziert, einkehren. Dann ging ihnen jedoch plötzlich auf, dass sie sich nicht im Wirtshaus, sondern mitten in einem Wohnzimmer befanden.

Und zwar im Wohnzimmer von Richard Kaiser und Marc Mies. Die beiden haben aus dem alten Gebäude, das bis zum Jahr 2000 das „Gasthaus Esser“ war, eine „Musikerkommune am Rande der Eifel“ gemacht. Das Klingelschild weist die kreative WG als „Funkhaus Flowsdorf“ aus. Von den Verwechslungen durch die Einheimischen, die bei den Zugezogenen aus Schmidtheim (Marc) und Sötenich (Richard) „einfallen“ profitieren die beiden: „Die haben schon ziemlich gute Storys auf Lager“, sagt Marc. „Immerhin sind hier unten und oben im Saal unzählige Hochzeiten, Beerdigungen, Kommunionen und Feste aller Art gefeiert worden.“

Die Räume im Haus, der Garten, die Scheune, Pferdeställe - die Geschichte und Geschichten rund um das „Anwesen“ der beiden jungen Männer sind geradezu atmosphärisch spürbar. Ein Rundgang lässt verstehen, was die beiden an diesem Ort so mögen. Auf den ersten Blick haben Richard, genannt „Dick“, und sein Freund Marc nicht viel verändert. Immer wieder stößt man auf Zeichen der Vergangenheit:

Pferdegeschirr hängt am Haken, das WC ist gaststättentypisch beschildert, eine Tafel bietet die Möglichkeit, Spezialitäten anzupreisen. Neben der Bank auf dem Hof steht ein kleiner Holzadler, dessen Beschriftung auf einen Schülerschützenkönig aus den 80er Jahren zurückgeht. Neulich entdeckten die neuen Eigentümer Hinweise darauf, dass im Schankraum mehrfach ein Verein tagte, der sich „Floisdorfer Stierkämpferverein“ nannte. Was es damit auf sich hatte, fand man noch nicht heraus.

Im einstigen Fest- und Tanzsaal im oberen Geschoss des Hauses werden die Veränderungen offensichtlicher, die mit dem Einzug von Richard vor drei Jahren begannen. Er hat dort ein schalldichtes Studio sowie eine Werkstatt für Instrumente eingerichtet. Marc zog einige Zeit später ein.

Im Studio proben die beiden, die seit drei Jahren musikalisch zusammenarbeiten, auf zum Teil selbst gebauten Bässen und Didgeridoos, mit Gitarren, Schlagzeug und Xylophon, mit dem Keyboard und was ihnen und Gastmusikern noch so unter die Finger kommt. Die „Musik-Kommunarden“ kennen sich bereits seit ihrer Schulzeit in Steinfeld, verloren sich aber einige Jahre aus den Augen.

Das Musikgenre des Duos ist nicht auf eine eindeutige Richtung festzulegen: Elemente aus Jazz, Funk, „Öko-Techno“ (mit „echtem“ Schlagzeug), Weltmusik und einer Rockrichtung, die sie in Anlehnung an „Prog-Rock“ als „Prob-Rock“ bezeichnen, verbinden sich zu experimentellen Klängen. In ihrem eigenen Tonstudio, das sie auch anderen Künstlern zur Verfügung stellen, entstehen CDs, für die sich zunehmend Interessenten finden. „Schindwutz Records“ heißt ihr Label.

Außerdem verbreiten sie ihre Klänge - sogar eigene Fanartikel - über ihr eigenes Internetradio, das „Funkhaus Flowsdorf“ eben. Sogar musikpädagogische Angebote für Kinder haben sie sich schon ausgedacht. Richard: „Musik gemacht und aufgenommen habe ich vorher auch. Aber bei jedem Gang durch dieses Haus fällt einem noch etwas Neues ein.“ Er hat sogar schon mal überlegt, ob er nicht doch wieder eine Lizenz für das Gasthaus beantragen sollte. „Dann gäbe es vielleicht den Pfannkuchen-Donnerstag mit Musik.“

Zimmer frei

Ihr Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft, erklären beide Mitbewohner. Das Wortspiel zwischen „Flois“ und „Flows“ soll nicht nur ihre musikalischen Vorlieben, sondern ihre ganze Einstellung ausdrücken. Stimmungsvoll, im Schwung und im Einklang mit ihrer Lebensweise stellen sie sich ihre experimentellen Klänge vor. Deshalb möchten sie auch nicht ausschließlich von der Musik leben, denn: „Druck und Stress hört man den Produktionen an.“ Der 25-jährige Richard, der auch die Homepage der WG einrichtet und pflegt, ist hauptberuflich in der Betreuung von schwerstbehinderten Menschen tätig. Berufsbegleitend studierte er Sozialarbeit.

Und Marc (24) ist staatlich anerkannter Erzieher im Anerkennungsjahr. Nebenbei betreut er in den Ferien Jugendgruppen in Schweden, mit denen er dann „Ferien-Bands“ zusammenstellt. Derzeit suchen die beiden noch Mitstreiter für Live-Projekte. Das ist aber nicht ihr Hauptproblem: Nachdem sie immer mal wieder einen dritten Mitbewohner hatten, ist nun ein Zimmer vakant. „Wenn wir nicht bis Oktober jemanden finden, können wir uns das Haus nicht mehr leisten.“

Toll wäre ein neues WG-Mitglied, das Musik macht - aber keineswegs Bedingung: „Hier ist Raum für alles Mögliche, ob jemand in der Scheune an Autos schrauben will oder ein Atelier braucht.“

 www.funkhaus-flowsdorf.de



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