Von TIM STINAUER, 24.05.06, 08:13h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Rothschild, Rechtsmediziner im TV-Krimi sind oft verschrobene Typen. Arbeiten in Ihrem Beruf tatsächlich so viele kauzige Sonderlinge?
MARKUS ROTHSCHILD: Sie meinen den Rechtsmediziner, der am Tatort über der Leiche sein Sandwich isst? Oder den, der bei der Obduktion ein paar flapsige Bemerkungen macht, während im Hintergrund der Kriminalkommissar umkippt? Das sind dramaturgische Kniffe der Drehbuchautoren, die keinesfalls der Realität entsprechen. In Anwesenheit einer Leiche zu essen verbieten schon die Hygienevorschriften. Außerdem wäre das pietätlos.
Welche Klischees fallen Ihnen noch auf?
ROTHSCHILD: Eines machen fast alle Drehbuchautoren falsch: Im Film greift der Rechtsmediziner oft aktiv in die Ermittlungen ein, stolpert nachts irgendwo mit einer Pistole rum. Im richtigen Leben dürfen wir zum Beispiel noch nicht mal Zeugen befragen, das ist Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft. Ich habe mich auch in meinem Leben noch nicht geprügelt oder unter einem fliegenden Messer weggeduckt.
Anders als zum Beispiel Jan Josef Liefers, der im „Tatort“ den Rechtsmediziner Boerne spielt?
ROTHSCHILD: Liefers ist genial. Es macht unglaublich Spaß, ihm zuzusehen. Der ist ja ein Kasper im Sektionssaal, vernichtet Spuren durch seine Schlampigkeit. Im richtigen Leben würde die Kripo ihre brisanten Fälle so einem Clown nie anvertrauen.
Stören Sie diese überzogenen Darstellungen gar nicht?
ROTHSCHILD: Das ist halt oft das Salz in der Suppe, damit kann ich
ganz gut leben. Was mich allerdings ärgert, ist, wenn Rechtsmediziner im Krimi als Pathologen bezeichnet werden. Das ist einfach schlampig recherchiert. Pathologen untersuchen Gewebe unter dem
Mikroskop, etwa auf Tumore. Sie obduzieren Leichen von Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Rechtsmediziner obduzieren bei unklarer oder nicht-natürlicher Todesursache, was allerdings auch nur zehn Prozent unserer Aufgaben ausmacht.
Im Fernsehen taucht der Rechtsmediziner aber meist nur im Sektionssaal oder am Tatort auf.
ROTHSCHILD: Das stimmt. Dabei erledigen wir die meiste Arbeit am Schreibtisch. Und wie schön diese Tatorte im Krimi immer aussehen: sauber, aufgeräumt, unblutig und prima Lichtverhältnisse. Ein Traum für jeden Ermittler. Tatsächlich sind die meisten Tatorte beengt, kleine,
chaotisch hinterlassene Zimmer. Die Luft ist abgestanden, stickig, es stinkt und ich muss meinen Arbeitskoffer geschlossen halten, damit keine Kakerlaken reinkrabbeln.
Sie beraten Gregor Edelmann, den Drehbuchautor der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ mit Ulrich Mühe. Was raten Sie ihm denn?
ROTHSCHILD: Zum Beispiel wie eine Verletzung geartet sein muss, damit die Kripo zwei Tage braucht, bis die Todesursache feststeht oder damit das Opfer nach der todbringenden
Attacke noch ein paar Minuten Zeit hat, um am Tatort einige Dinge zu verändern, bevor es stirbt. Das Problem ist: Wir wollen keine Anleitung zum Töten geben. Deshalb bauen wir in jede Story einen
kleinen Fehler ein, damit potenzielle Nachahmer früh scheitern.
Nehmen viele Drehbuchautoren professionellen Rat in Anspruch?
ROTHSCHILD: Es ist zum Glück immer mehr geworden in den vergangenen Jahren. Man muss aber aufpassen. Es kommt vor, dass jemand im Institut anruft, sich als Regisseur ausgibt und für sein angebliches Drehbuch wissen möchte, wie tief man springen muss, um sicher umzukommen. Oder ob es möglich ist, sich schmerzfrei zu erhängen. Im Gespräch stellt sich rasch heraus, dass derjenige sich das Leben nehmen will. Ich versuche dann, ihm professionelle Hilfe zu vermitteln.
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