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Mit gewaltiger Verstärkeranlage

Von HORST WILLI SCHORS, 24.05.06, 07:03h

„Schreiben in friedloser Welt“, so lautet der Titel der Pen-Tagung. Günther Grass kritisiert zum Auftakt des Berliner Kongresses massiv die USA. Und trifft beim Publikum auf offene Ohren.

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Bundespräsident Horst Köhler (l.) und "Pen"-Präsident Johano Strasser.
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Bundespräsident Horst Köhler (l.) und "Pen"-Präsident Johano Strasser.
„Schreiben in friedloser Welt“, so lautet der Titel des Berliner Kongresses.

„Heuchelei“ - „Folterpraxis“ - „kriminell handelnde Großmacht“ - „Verbrechen der USA“: Das waren nur vier aus einer ganzen Serie von emotional und politisch hoch aufgeladenen Begriffs-Salven, die Günter Grass auf offener Bühne gegen die Außenpolitik der Amerikaner und Briten abfeuerte. Beim Publikum - rund 450 Delegierte des Schriftsteller- und Dichterbundes „Pen“ aus rund 80 Ländern - trafen diese Töne auf offene Ohren und auf äußerst lebhaften Beifall.

Amerikaner und Briten hätten mit ihrer Politik den Terrorismus erst gefördert, der nun von Amerikanern und Briten mit terroristischen Mitteln bekämpft würde. „Dümmer und deshalb gefährlicher kann Politik nicht sein“, griff Grass namentlich US-Präsident Bush an. Grass zitierte den britischen Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter, der in einer umstrittenen Rede erklärt hatte: „Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben darüber gesprochen.“ Zwar seien wir „buchhalterisch bemüht, die Opfer von Terroranschlägen aufzulisten, aber niemand zählt die Leichen nach amerikanischen Bomben- und Raketenangriffen.“

Der von den USA gewollte Krieg, so postulierte Grass, missachte die Gesetze der zivilisierten Welt und fördere nun weiter den Terror. Es sei sogar die Wiederholung eines Kriegsverbrechens - der Einsatz von Atomwaffen - angedroht worden. Günter Grass, der 78-jährige Nobelpreisträger, der in den späten 60er Jahren den Typ des politisch engagierten Schriftstellers in Deutschland neu kreiert hatte, konnte sich bei seiner Rede auf eine gewaltige Verstärkeranlage verlassen, wie sie einem Schriftsteller nur selten zur Verfügung steht.

Bis Sonntag tagt der internationale „Pen“ in Deutschland unter dem Motto „Schreiben in friedloser Welt“. „Pen“ steht für „Poets, Essayists, Novelists“. Dutzende von prominenten und hochdekorierten Schriftstellern sind angereist, von Nadine Gordimer bis Margriet de Moor, von Peter Nadas bis Per Olov Enquist. Die 1921 von der englischen Schriftstellerin Dawson-Scott gegründete Vereinigung von Dichtern, Poeten und Romanciers hat sich auf die Fahnen geschrieben, „jeglichen Hass zwischen Klassen und Völkern zu bekämpfen, Schriftsteller vor Verfolgung zu schützen und für die Freiheit der Meinungsäußerung einzutreten“.

Im Laufe seiner Geschichte hat sich der „Pen“ moralische Autorität erworben. Heute umfasst die weltweit agierende Schriftstellerorganisation 18 000 Mitglieder in rund 100 Ländern. 1986 trafen sie sich zuletzt in Deutschland. Die Bühne war also bereitet im großen Saal des Berliner Hilton Hotels.

Die Eröffnungsveranstaltung verlief zunächst politisch korrekt. Bundespräsident Köhler rief zum weltweiten Kampf gegen die Unterdrückung des freien Wortes auf. Die „Freiheit des Menschen zeigt sich an der Freiheit des Wortes“, sagte Köhler. An vielen Orten seien Schriftsteller und Journalisten von Zensur, Folter und Mord bedroht. Besonders schlimm sei das Schicksal von Autoren und Intellektuellen in Afrika.

Der Schriftsteller und Ex-Diplomat Jiri Grusa, Präsident des Internationalen „Pen“, beschränkte sich auf ein paar einführende Bemerkungen, fragte aber: „Wenn der Friede ein Wert ist, dann hat er seinen Preis.“ Und sei Schreiben wirklich immer eine friedliche Angelegenheit, schließlich gehe es um den Streit um Bedeutungen?

Afrika ist ein thematischer Schwerpunkt des „Pen“-Kongresses in Deutschland. Man wolle die deutsche Literatur eher im Hintergrund halten, hatten die Organisatoren angekündigt. Für Afrika, den vergessenen Kontinent, seien die Europäer zuständig, hatte der Präsident der deutschen „Pen“-Sektion, Johano Strasser erklärt. „Afrika, der schwelende Konflikt“ lautet der Titel einer der zentralen Veranstaltungen, die im Haus des Berliner Ensembles stattfindet.

„Schreiben in friedloser Welt“, so die Überschrift einer anderen Veranstaltung. Grass wollte sich an diesem Eröffnungstag offensichtlich nicht die noble Zurückhaltung des Gastgebers auferlegen. Schließlich hatte er vor zwanzig Jahren, als der „Pen“ zuletzt auf deutschem Boden tagte, die Einführungsrede gehalten. Damals waren die Zeiten noch politisch, die Pflicht des Poeten zur Einmischung eine eherne Forderung. Die älteren Teilnehmer der Berliner „Pen“-Eröffnung erlebten daher ein regelrechtes Déjà-vu.

Die Teilnehmer, viele darunter der Generation und dem Geschlecht des Redners angehörend, dankten es Grass mit stehendem Beifall. Für Gesprächsstoff ist also reichlich gesorgt, und die „Pen“-Tagung hat auf jeden Fall nun das, was die Organisatoren angestrebt haben: Öffentlichkeit.



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