Von FRANK OLBERT, 25.05.06, 13:22h, aktualisiert 01.06.06, 08:50h
Wer geglaubt hat, Engel würden sich stets gut benehmen und züchtig aussehen, sieht sich durch Angela eines Besseren belehrt. Sie raucht unaufhörlich und hat sich entschlossen, für ihren aktuellen Auftrag die irdische Gestalt eines Flittchens anzunehmen - das kleine Schwarze inklusive. Einsatzort ist Paris, Zielperson ein gewisser André, der mit unendlich traurigen Augen auf einer Seine-Brücke steht und in die Tiefe springen will. Angela fängt ihn auf, aber das ist rein metaphorisch gemeint.
Denn zum Auftakt von Luc Bessons Film „Angel-A“ springen sie beide, der Selbstmord-Kandidat und der Engel, der Verzweifelte und seine Retterin - vereint durch innere Bande, die sie fortan gemeinsam durch die Straßen der Stadt führt. Durch ein Paris, das der französische Regisseur in den Schwarz-Weiß-Bildern seines Kameramanns Thierry Arbogast so überirdisch schön und geheimnisvoll einfängt, wie es der Herkunft seiner weiblichen Hauptfigur nur gerecht werden kann.
Himmlische Hilfe
Bessons „Angel-A“ ist ein Märchen, das in zwei Richtungen verläuft. Es erzählt vom Jammertal hienieden, dessen Schmutz auf Geschöpfe wie Angela, die nur göttliche Reinheit gewohnt sind und diese schon ein wenig langweilig finden, höchst verlockend wirken kann - und es berichtet von himmlischer Hilfe, die André sein irdisches Schicksal leichter schultern lässt. Zum Finale ist der Engel auch ein wenig Mensch, und der Mann ist endlich erwachsen.
In „Subway“, seinem New-Wave-Klassiker von 1985, tauchte Besson hinab in die Eingeweide von Paris, in die Schächte der Metro, die er wie auf unterirdischen Achterbahnfahrten durchquerte. Schon damals kennzeichnete seinen Stil ein spezifisches Ungleichgewicht, eine merkwürdige Verteilung der Prioritäten: Fast scheint Besson die Story gleichgültig zu sein - er legt alle Kraft in die Bilder, die mit großer, wuchtiger Geste ausholen, die sich mit extremen Kontrasten aufladen und nun in „Angel-A“ Paris zu einer Stadt machen, die halb in den Wolken liegt, und halb am Hades.
Man könnte Bessons Kino den Vorwurf machen, ein Spektakel der Oberflächen und Äußerlichkeiten zu sein. Sein André ist ein kleinwüchsiger Marokkaner, der sich in Frankreich mit Gaunereien durchschlägt und dafür ordentlich Prügel bezieht - Angela hilft ihm aus seinem Sumpf heraus: das ist die ganze Geschichte.
Für diese Erzählung findet Besson indes Bilder, die von ersten und letzten Dingen handeln, von Himmel und Hölle, von Engeln und Elend. Besson und Arbogast verlieben sich geradezu in ihre Hauptdarsteller, die sie vor großer Kulisse wie Ikonen inszenieren: die hoch gewachsene, blendend schöne Rie Rasmussen, die ihre Karriere als Model begann und etwa der Gucci-Kampagne ihr Gesicht gab - und den nur 1,65 Meter großen ehemaligen Stand-up Comedian Jamel Debbouze, der bei einem Verkehrsunfall den Arm verloren hat, den Slang der Banlieues spricht und in Frankreich ein Topstar im Fernsehen ist. Zwei Welten, ein Paar.
Doch obwohl Besson mit diesem Darsteller-Duo und mit seinen Schauplätzen auf den maximalen optischen Effekt setzt, obwohl der Plot auch in „Angel-A“ nahezu reduziert wirkt, bietet sein Film weit mehr als nur Schauwert. Der Regisseur verlagert das Drama von der äußeren Aktion in die Psyche, seine Bilder sind großartige Chiffren für die Seelenlandschaften, durch die seine Akteure irren - Vertreter einer urbanen Modernität allesamt, die dennoch vereinzelt, versprengt, in sich selbst eingeschlossen wirken.
Obwohl „Angel-A“ in der Großstadt spielt, wirkt dieses Paris nahezu menschenleer - und wenn André einmal jemand über den Weg läuft, dräut Unheil. Gleich zu Beginn blickt er starr in die Kamera, gibt sich selbst als Frauenheld und erfolgreicher Geschäftsmann aus, als sich die Perspektive allmählich weitet. Drei Schläger stehen um ihn herum und drohen ihm den Tod an, sollte er nicht innerhalb einer Frist eine bestimmte Geldsumme zurückzahlen. Wir aber wissen nun mit einem Schlag, mit wem wir es zu tun haben: mit einem Aufschneider, einem Lügner, einem kleinen Ganoven, der sich und anderen etwas vorflunkert. Das aber macht er so schlecht, dass er dabei nur verlieren kann.
Auf dem Eiffelturm
Diesen klassischen Anti-Helden spielt Debbouze auf so zarte und seelenvolle Weise, dass man geradezu erleichtert ist, wenn sich auf seinen einsamen Streifzügen durch die Stadt Angela seiner annimmt. Sie ist es, die das Vakuum seiner inneren Leere mit Gedanken an den eigenen, wirklichen Wert auffüllt. Ihr ist es zu verdanken, dass er sich erfolgreich gegen Franck, seinen größten Feind, wehrt: Gilbert Melki, der vor einiger Zeit noch in „Meeresfrüchte“ Liebesschwüre flüsterte, spielt Andrés scheinbar übermächtigen Gegenspieler mit überraschend brutaler Intensität - bis hin zu einer aufwühlenden Szene, in der er André vom Eiffelturm baumeln lässt.
Über allem aber steht, ganz klar, strahlend Rie Rasmussen. Sie ist es, die „Angel-A“ zu einem Ereignis macht: traurig, ausgelassen, extrovertiert, vergrübelt - in jedem Aggregatzustand ihrer Gefühle ist sie glaubwürdig und hoch präsent. Natürlich verliebt sich André in diese Angela, und obwohl sie sich um ihn kümmert und ihn durchs Leben führt, bis er den aufrechten Gang gelernt hat, ist gerade diese Erfahrung die bitterste: In Schutzengel darf man sich nicht verlieben.
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