Von KERSTIN MEIER, 30.05.06, 07:48h
Mundpropaganda war bislang der einzige Weg, sich gegenseitig vor gähnend langweiligen Professoren zu warnen. Jetzt können Studenten die Insider-Informationen auch mit ein paar Mausklicks aufrufen. „MeinProf.de“ heißt die Seite, auf der inzwischen schon über 100 000 Bewertungen für knapp 20 000 Professoren aus dem ganzen Bundesgebiet abgegeben wurden. Die Idee stammt von ein paar Berliner Studenten, die ein ähnliches Konzept aus den USA kannten. „Warum gibt es so was eigentlich nicht bei uns?“, fragten sich Thomas Metschke und seine Kommilitonen. Als Antwort entwickelten sie an nur sieben Abenden ihre Webseite. Hier können Studenten Professoren und Lehrveranstaltungen eintragen und ihre Bewertungen und Kommentare abgeben.
„Natürlich ist das Netz nicht frei von Spaßvögeln“, meint Thomas Metschke. Offensichtliche Querschläger-Kommentare wie „Der stinkt und ist doof“ schmeißen der 23-Jährige und seine Kollegen einfach aus dem System. Ansonsten vertrauen sie auf die Selbstreinigungskräfte des Internets: „Die Masse federt ein paar Ausreißer wieder ab“, ist sich Metschke sicher.
Wenn Detlef Fetchenhauer ein Ausreißer ist, dann ist er auf jeden Fall ein Ausreißer nach oben: Der Kölner Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie ist mit der Spitzennote von 1,0 der beliebteste Professor an der Kölner Uni. Zwar hat er erst eine Hand voll Bewertungen erhalten, aber die sind dafür umso begeisterter. Das Projekt „MeinProf.de“ findet er sinnvoll - „und nicht nur, weil ich da so gut wegkomme“, sagt der 41-Jährige. An seiner Fakultät werden die Lehrkräfte schon seit einigen Jahren von den Studenten bewertet. Am Ende des Semesters verteilen Mitarbeiter Fragebögen, in die die Studenten eintragen, ob der Vortrag verständlich und der Dozent gut vorbereitet war. Die Ergebnisse werden im Internet veröffentlicht. „Evaluation“ heißt dieses Verfahren im Wissenschaftsdeutsch. An deutschen Hochschulen hat es sich leider noch nicht durchgesetzt - die Kölner „WiSo“-Fakultät ist eine der wenigen Ausnahmen. „Wenn es überall so professionell geregelt wäre wie bei uns, bräuchte man so eine Seite wie »MeinProf.de« gar nicht“, meint Fetchenhauer.
Noch ist die ganze Idee des Personalmanagements an deutschen Hochschulen aber völlig unterentwickelt, sagt Mathias Winde vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. „Noten für Lehrkräfte sind nur der erste Schritt“, meint er. Aber was machen Professoren und Dozenten, denen schwarz auf weiß bescheinigt wird, langweilig oder unverständlich zu sein? Für die müsse es unbedingt bessere Angebote geben, so Winde. „In den Niederlanden werden Sie zu einem Rhetorikkurs verdonnert, wenn Sie ständig schlechte Bewertungen bekommen“, erzählt Detlef Fetchenhauer, der einige Jahre in Groningen unterrichtet hat. Dort hätten die Ergebnisse der Evaluation auch direkte Konsequenzen auf die Karriere: „Die Noten wurden Teil der Personalakte, und wer über Jahre schlechte Bewertungen bekommt, dem werden auch schon mal die Hilfskräfte gestrichen.“
„Wir können und wollen nicht in Konkurrenz zu wissenschaftlicher Bewertung treten“, sagt Thomas Metschke von „MeinProf.de“, „aber wenn an den Universitäten nichts passiert, müssen die Studenten die Sache eben selbst in die Hand nehmen.“ Doch vielleicht steht das ehrgeizige Studentenprojekt bald wieder vor dem Aus: Gerade prüft der Berliner Datenschutz, ob das Angebot von „MeinProf.de“ überhaupt zulässig ist. Wer sich über die Studentenseite offiziell beschwert hat? „Bestimmt keiner von den Profs, die gut abgeschnitten haben“, meint Metschke.
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