Von JAN W. BRÜGELMANN, 01.06.06, 07:00h, aktualisiert 02.06.06, 15:30h
Haditha ist ein unsicheres Terrain für die amerikanischen Besatzer im Irak. Im vergangenen Herbst starben 20 Marines innerhalb von 72 Stunden in und um die Stadt herum, deren rund 80 000 Einwohner überwiegend vom Dattelanbau leben und die im gefährlichen sunnitischen Dreieck nördlich und westlich von Bagdad liegt. 14 Soldaten starben, als ihr Transporter von einer am Straßenrand versteckten Bombe zerfetzt wurde. Sechs Marines wurden von Heckenschützen erschossen. Im Internet kursierten anschließend Bilder, in der Aufständische die Attentate feierten und den verstümmelten Leichnam eines ihrer Opfer zeigten.
Am Morgen des 19. November, einem Samstag, fuhren vier gepanzerte US-Mannschaftstransporter vom Typ „Humvee“ langsam durch die Straße einer Wohngegend von Haditha - eine Routinepatrouille der 13 Soldaten aus dem 3. Bataillon des 1. Marineregiments. Als ein weißes Taxi etwa einhundert Meter entfernt um die Ecke bog und von vorne auf die Kolonne zufuhr, taten die Marines, was sie in dieser Situation immer tun und bedeuteten dem Fahrer mit Armbewegungen, sein Fahrzeug zu stoppen. Als das Taxi kurz vor dem ersten „Humvee“ anhielt, ging unter dem vierten Truppentransporter am Ende des Konvois eine Bombe hoch.
Der Fahrer des „Humvees“, Stabsgefreiter Miguel Terrazas (20) aus El Paso (US-Staat Texas) war sofort tot, zwei seiner Kameraden wurden schwer verwundet. Die Wucht der Detonation war so stark, dass noch in 130 Meter Entfernung Fensterscheiben zu Bruch gingen.
Andere Mitglieder der Patrouille berichteten anschließend ihren Vorgesetzten, dass sie zeitgleich mit der Bombenexplosion unter Beschuss gerieten. Das Feuer sei aus Häusern auf beiden Seiten der Straße auf sie eröffnet worden. Einheimische Augenzeugen bestritten dies später und berichteten ihrerseits, dass die Marines nach der Detonation anfingen, wild um sich zu schießen.
Die ersten Opfer dieses Tages nach dem Tod Terrazas waren die fünf Insassen des Taxis. Die US-Soldaten, ihre Waffen im Anschlag, befahlen den vier Studenten und dem Fahrer auszusteigen. Eine anschließende Durchsuchung des Fahrzeugs sollte die Frage klären, ob die Männer die Bombe ferngezündet hätten. Doch die Fahrzeuginsassen ergriffen die Flucht und wurden von den Marines erschossen.
Was danach geschah, nennt „Time“ einen „katastrophalen Zusammenbruch“ der Disziplin, die allen Marines während ihrer gründlichen und teilweise rigiden Ausbildung eingebläut wird. Der kommandierende Unteroffizier, seit sieben Jahren bei den Marines, war noch nicht lange im Irak stationiert und schritt nicht ein, als einige seiner Untergebenen dazu übergingen, sich an Zivilisten für den Anschlag zu rächen. Im Gegenteil: Die Armee-Ermittler sind sich sicher, dass der Unteroffizier zu den Soldaten gehörte, die Alte, Frauen und Kinder angriffen.
Heba Abdullah überlebte das Massaker, dem am Ende 24 irakische Zivilisten zum Opfer gefallen waren - den Taxichauffeur und seine Fahrgäste mit eingerechnet. Sie berichtete einem irakischen Mitarbeiter des Bagdader Büros der „New York Times“, dass mehrere Marines sich gewaltsam Zugang in das Haus ihres Schwiegervaters verschafften und ihren Mann Rashid Abdul Hamid umbrachten. Anschließend erschossen sie auch den 77-jährigen Schwiegervater in seinem Rollstuhl.
Weitere Opfer waren ihr vierjähriger Neffe, die 66-jährige Schwiegermutter und die beiden Schwager, die sich im Haus befanden. Heba Abdullahs Schwägerin Asma brach zusammen, als sie ihren toten Mann sah und ließ ihr fünf Monate altes Baby fallen. Heba hob das kleine Mädchen auf und rannte aus dem Haus. Als sie später zurückkehrte, war auch Asma tot. Asmas Tochter Iman Abdel Hamid (9) erzählte: „Die Amerikaner haben meinen Vater im Schlafzimmer getötet und dann eine Rakete abgeschossen, so dass seine Leiche völlig verbrannt war. Dann erschossen sie auch meine Mutter. Sie fiel hin, verlor viel Blut und schrie sehr lange, bis sie dann tot war.“
Am Tag nach dem Gemetzel filmte ein irakischer Journalismusstudent die Toten im örtlichen Leichenschauhaus und sah sich auch in den drei Häusern um, die von den Marines gestürmt wurden. „Sie brachten die Leute nicht nur um, sie zertrümmerten das Mobiliar, rissen Teppiche und Bilder von den Wänden. Sie nahmen auch einige Menschen gefangen, die sie sehr brutal behandelten. Das war alles andere als eine präzise militärische Operation“, erzählte der junge Mann, dessen Videobilder die internen Untersuchungen in der US-Armee auslösten.
Nach Heba Abdullahs Darstellung, die von drei anderen Augenzeugen weitgehend bestätigt wird, wandten sich die marodierenden Soldaten anschließend dem Haus der Nachbarn zu. Hier starb Younis Salim Nisaif mit seiner Frau Aida und Aidas Schwester Huda. Auch fünf Kinder zwischen drei und 14 Jahren kamen ums Leben.
Nur die 13-jährige Safa überlebte, weil sie sich tot gestellt hat. „Ich habe meinen Körper mit dem Blut meines getöteten Bruders Junis beschmiert, der tot neben mir im Bett lag“, sagte sie. In einem dritten Haus erschossen die Marines dann vier Brüder im Alter zwischen 20 und 38 Jahren. Dann endlich hörte das Schießen auf.
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