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Stammbäume beginnen zu wachsen

Von THOMAS AGTHE, 02.06.06, 07:30h

Im Bonner Stadtarchiv wächst der Bestand jährlich um 7000 Akten. Zu jedem abgerissenen Haus gibt es ein Dokument. Angehende Familienforscher sollten ihre Suche in der lebenden Verwandtschaft beginnen.

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Alte Dokumente sind oft noch auf Mikrofilmen in den Archiven zu finden.
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Alte Dokumente sind oft noch auf Mikrofilmen in den Archiven zu finden.
Großmama nahm uns Jungen mit Vorliebe mit nach Stieldorf. Es war selbstverständlich, daß wir immer etwa von da mit in die Stadt nehmen mußten, für uns nicht gerade nicht angenehm. Das Allerangenehmste für uns aber wa wenn uns Großmama einen Kissenüberzug (rot weiß kariert) gefüllt mit Sauerampfer zum mitnehmen nach Bonn gab.“ Der Mann, der sich hier im Jahre 1914 an seine Kindheit erinnert, nennt sich Henry's Carl und das Buch, in dem er mit seiner säuberlichen Schrift aus vergangenen Tagen erzählt, trägt den Titel „Us minge Jugendzick - Minge Kind verzällt vom Henry's Carl“.

Heute liegen die Aufzeichnungen Carl Henry's im Bonner Stadtarchiv unter der gewaltigen Fülle geschichtlicher Zeugnisse, die den Bürgern auch zur Erforschung ihrer Familiengeschichte zur Verfügung stehen. „Eigentlich“, so sagt es der Archivar Ottmar Prothmann, „ist alles, was wir hier sammeln, in irgend einer Wiese für die Familienforschung zu gebrauchen.“ Natürlich in unterschiedlicher Weise. Viele Akten geben höchst trockene Daten wieder, andere Faktensammlungen sind dem Familiendetektiv enorm nützlich: wer etwa weiß schon, dass das Stadtarchiv zu jedem abgerissenen Haus eine Akte angelegt hat? Dort, wo geschichtliche Entwicklungen aufgezeichnet sind oder gar Tagebücher in den Regalen des Stadtarchivs ruhen, wird Ahnenforschung aber richtig interessant. Wie etwa durch die Erinnerungen Carl Henry's.

Und das Interesse der Bürger an der Familiengeschichte nimmt zu. Das merkt man auch im Stadtarchiv, ohne genau nachzuzählen, wie viele der jährlich rund 4500 Besucher den eigenen Stammbaum zum Blühen bringen möchte. Die Gründe für die wachsende Neugier an den eigenen Ahnen vermutet Prothmann in den Folgen der Globalisierung. Familien werden mehr und mehr auseinander gerissen, und entsprechend lässt ihre Wirkung als Identitätsstifter nach.

Wo beginnen, wenn der Zeitgenosse wissen will, wann, wo und wie der Urgroßvater und die Ur-Urgroßmutter lebten? „Ich würde raten“, sagt Prothmann, „mit den Lebenden zu beginnen.“ Da hat der angehende Familienforscher schon hinreichend zu tun. Wer jedoch tiefer in die Familiengeschichte tauchen möchte, kommt um eine einführende Lektüre der Fachliteratur nicht herum, erläutert der Archivar. Auch gilt es, sich gegen Frustrationen zu wappnen: Nicht selten verlaufen verwandtschaftlich-historische Stränge im Sande. Es gibt keine Erzählungen, keine Kirchenbücher und sonstigen Zeitdokumente mehr.

Zwei Weltkriege haben gewütet, nachlässige Angehörige haben wichtige Dokumente, alte Bilder, einfach auf den Müll geworfen. Bilder aber sind, selbst wenn sie in staubigen Schachteln auf dem Dachboden überdauert haben, wertlos, wenn der Hobbygeschichtler nicht weiß, wer darauf abgebildet ist, aus welcher Zeit die Aufnahmen stammen, wo sie gemacht wurden und warum. Da bleibt dann ein Loch in der Krone des Stammbaums. Und davon darf sich der private Forscher nicht beirren lassen.

Familienforschung weiß ihre Vertreter jedoch auch zu entlohnen: Da gilt es Reisen zu machen, neue (alte) Verwandte kennen zulernen, Freunde und Erkenntnisse zu gewinnen. Etwa die, dass so manche Erzählung der Tante, des Vaters oder der Großeltern in den Bereich der Sagen gehört, weil die redseligen Verwandten dem Fragenden ihr Wunschdenken, nicht aber Fakten ausgebreitet haben. Erkenntnisse über die eigene Familie gewinnen auch dort an Wert, wo der private Forscher die Lebensweisen und Werthaltungen der Vorfahren nachvollziehen kann, und erkennt, ob diese verloren gegangen sind, oder bis in die Gegenwart hinein wirken. Die Gespräche mit Verwandten oder anderen Zeitzeugen drehen sich plötzlich um Dinge, über die man sonst nicht spricht. Heraus kommen nicht selten Erkenntnisse, die man auf der Familienfeier nie erfahren hätte.

Auf alle Fälle, so rät es Ottmar Prothmann, soll sich der angehende Familienkundler als Zweck seiner Recherchen vornehmen, eine Familiengeschichte aufzuschreiben. Mit einem solchen Ziel vor Augen lassen sich Haupt- und Nebenwege einer Familienbiografie viel sicherer beschreiten als jener Suchende, der auf Zufallsfunde hofft. Und es heißt, rasch zu forschen. Dass Quellen durch den Tod eines Verwandten plötzlich verlöschen, geschieht nur zu schnell, wie Prothmann weiß. Persönlich erzählte Begebenheiten sind nicht zu ersetzen.

230 Nachlässe lagern mittlerweile im Bonner Stadtarchiv. Dort pflegt man den Kontakt zu Entrümplern, anderen Archivaren und Antiquariaten. Jährlich wächst der Bestand im Archiv um 7000 Akten, die von den derzeit drei angestellten Archivaren gesichtet werden sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit, so dass der Bestand des nicht bearbeiteten Materials stetig wächst. Vor dem Schreibtisch Ottmar Prothmanns stapelt sich ein Turm hellblauer Aktenhefter in die Höhe. Darin die jüngst überlassenen Dokumente des wissenschaftlichen und privaten Lebens eines der ersten Professoren der Bonner Universität. Von dem Philosophen Christian August Brandis ist nicht nur der Briefwechsel überliefert, den er mit vielen Gelehrten seiner Zeit pflegte, sondern auch die Manuskripte und Notizen zu seinen Vorlesungen. Da könnte einer seiner Nachfahren herausfinden, wie Brandis dachte und fühlte zu seiner Zeit. Aber diesen Nachfahren gibt es nicht mehr.

Wer Familienforschung betreiben möchte, kann sich auch an die Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde wenden, die auch eine Bonner Abteilung hat.

 www.genealogienetz.de



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