Von TILL FROMMANN, 06.06.06, 07:07h
Was war das gleich noch mal - Wahrheit? Einfacher ist es, zu sagen, was nicht wahr, was erstunken und erlogen und an den Haaren herbeigezogen ist. Zum Beispiel diese Meldung hier aus dem Internet: „Ehrensenf TV ab Herbst auf RTL.“
Schön wäre es ja schon. Denn die Internetsendung, die täglich auf der Website www.ehrensenf.de und auf „Spiegel Online“ erscheint, ist ungemein witzig und unterhaltsam: Moderatorin Katrin stellt darin kuriose Internetfundstücke und seltsame Konsumgüter vor und kommentiert Zeitungsmeldungen. Die Jury des „Grimme Online Award“ sah ebenfalls die Qualitäten und verlieh „ehrensenf.de“ den Preis in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“. Schön also, dass diese erfolgreiche Internetsendung jetzt bald auf RTL zu sehen sein wird - statt nur ein paar Minuten soll „Ehrensenf TV“ dort wöchentlich eine halbe Stunde lang unterhalten. Außerdem wird die Show vor Publikum produziert werden, es wird auch (so steht es im Internet!) um Seltsames aus dem Fernsehprogramm gehen - Fernsehmurksschnipselchen also à la „TV Total“, nebst Promibesuchen und Musikern.
Doch halt. Das ist alles erlogen. Andreas Hallerbach hat dies auf seinem Weblog „DonsTag“ ( www.donvanone.de ) gemeldet - ganz im Stile einer Pressemeldung. Also durchaus glaubhaft. An Glaubwürdigkeit gewinnt diese interessante Nachricht außerdem, weil sie RTL-Pressesprecherin Anke Eickmeyer zitiert, dass das „Ehrensenf“-Team gerade das erweiterte Konzept durchginge und eine Pilotsendung drehen würde. Hallerbach hatte jedoch nie mit der Pressesprecherin gesprochen - sondern per „Google“ den Namen herausgesucht und in seine fiktive Meldung eingebaut. Eickmeyer dazu: „Letztendlich ist das nicht wirklich eine schlimme Nachricht, denn »Ehrensenf« ist ja auch ein schönes Format.“ Andererseits rege sie sich schon über solche Falschmeldungen auf. „Besonders dann ärgere ich mich, wenn mein Name involviert ist. Denn wer weiß, was man mir in Zukunft noch so alles in den Mund legt.“
„Man darf doch nicht alles glauben, was im Internet steht“, sagt dagegen Andreas Hallerbach. Die Meldung zu „Ehrensenf“ sei als „reine Satire gedacht, die überspitzt darstellt, wie »Ehrensenf« in der heutigen Medienlandschaft aussehen könnte, wenn die Sendung von RTL übernommen würde“. Und man solle sich doch einmal das Umfeld seiner Meldung anschauen, wenn man sich ein Bild über den Wahrheitsgehalt machen wolle. Man müsse doch merken, dass es sich bei seiner Website „nicht um ein Nachrichtenportal“ handle. „Sie ist ein persönliches Weblog, in dem ich manche Aspekte des Lebens aus meinem eigenen Blickwinkel betrachte und oft mit einiger Ironie wiedergebe.“ Der moderne Märchenerzähler beendete seine erfundene Meldung mit den Worten: „Und, habt ihr heute auch so schlecht geträumt? Muss am Vollmond liegen.“ Damit ist der Satire-Aspekt klar erkennbar, meint Hallerbach. „Denn hier betone ich ja, dass das alles nur ein schlechter Traum gewesen ist“, verteidigt er sich.
RTL-Sprecherin Eickmeyer glaubt, dass das Internet den Journalismus verändert hat: „Immer öfter wird in Chats, Weblogs oder vermeintlich journalistischen Portalen irgendetwas behauptet, was sich dann als echte Meldung durchsetzt, aber überhaupt nicht stimmt“, sagt sie. Gerade im Internet würden sich Falschmeldungen sehr schnell verbreiten. „Einerseits wird vieles unkritisch geglaubt, nur weil es im Netz steht, andererseits betätigen sich dort viele als vermeintliche Journalisten oder Hobbyjournalisten“
Bei der Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ habe es viele solcher erfundenen Nachrichten im Internet gegeben. „Seriöse Medien rufen vorher an, bevor sie eine Meldung aus dem Netz unkritisch übernehmen. Es passiert aber auch, dass etwas übernommen wird, ohne nachzufragen.“ Und schon steht diese Meldung irgendwo im Internet und irgendwer schreibt sie ab. Auch die „Ehrensenf TV“-Falschmeldung hat sich verselbständigt: In der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ heißt es unter dem Stichwort „RTL Group“: „Seit April 2006 hält die RTL Group einen Großteil des Online-TV-Formats »Ehrensenf«.“
Andreas Hallerbach lenkt inzwischen ein: „Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, habe ich meinen Beitrag nun um eine klarstellende Einleitung ergänzt.“ In dieser heißt es: „Das Internet ist ein Medium, in dem jeder etwas veröffentlichen kann, der Lust dazu hat“, erklärt er. „Das macht das Internet zu einem Medium, dessen Inhalt auf keinen Fall ohne weitere Recherche übernommen werden kann.“ Und: “Wer mit Satire und dem Internet nicht umgehen kann, der soll es besser lassen.“
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