Von SEBASTIAN ZÜGER, 08.06.06, 07:52h
Köln hat sich herausgeputzt für den Tanz ums goldene Fußballkalb. Besonders gut zu sehen ist das am neuen Bahnhofsvorplatz, der - befreit von Rievkooche-Büdchen, Baucontainern und wartenden Taxis - dem Dom frisch gebohnert zu Füßen liegt.
Vis-à-vis vom Hauptportal lauern einige Lädchen auf Laufkundschaft - meist vergebens. Wer soeben mit Koffern, Kind und Kegel aus einem Zug geklettert ist, hat in der Regel anderes im Sinn als den Erwerb eines Fotoapparats oder einer neuen Frisur. Jacques Minas weiß das: „Vielleicht mache ich den Laden zu“, sagt er und fegt die Büschel vom Kopf eines Kunden zur Seite, der trotz der ungünstigen Lage den Weg zu „Jacques Haardesign“ gefunden hat. „Hier geht nicht viel, in keinem der Läden. Die ganze Zeile ist tot.“
Der 30-jährige gebürtige Beiruter hat sowieso andere Pläne: Er will als Sänger Karriere machen. „Ich habe eine CD aufgenommen“, erzählt er. „»Awal layle« heißt sie, »Die erste Nacht«.“ Jacques Lieder handeln nur und ausschließlich von den ganz großen Gefühlen: „Das geht alles um die Liebe.“ Und das muss auch so sein. Schließlich ist das, was Jacques zu Gehör bringt - Orient-Pop. Und Orient-Pop zielt, das ist sein Wesen, mitten ins Herz.
Freilich: Nicht jeder Sänger trifft immer. Bisweilen landen die rosenduftenden Pfeile auch haarscharf daneben, etwa in der Magengrube, weshalb es bösmeinende Zeitgenossen gibt, die Orient-Pop nicht ganz ernst nehmen und als Schlager verunglimpfen. Sollen sie ruhig - der Erfolg ist auf der Seite der Interpreten. Stars der Szene - wie die auch von Jacques vergötterte Libanesin Elissa, die einst mit Chris de Burgh den Hit „Libanese Night“ einsang - verkaufen ihre Alben im türkisch-arabischen Raum millionenfach und füllen mit ihren Balladen selbst hierzulande die ganz großen Hallen.
Da will Jacques auch hin, aber die Zeit drängt. Vor rund drei Monaten hat er die Aufnahmen zu „Awal layle“ abgeschlossen, nun muss die Ware an den Hörer, solange sie heiß ist. „Das geht im Orient-Pop ganz schnell. Wenn etwas ein halbes Jahr alt ist, kannst du es nicht mehr rausbringen“, erklärt Jacques, der in seinen Liedern außer mit schmachtenden Melodien auch mit House- und Reggae-Elementen arbeitet. Doch die Zeiten sind hart. Allein im Libanon können die Plattenfirmen aus einem Reservoir von rund 20 000 hoffnungsvollen Sangestalenten schöpfen - da lässt es sich leicht Bedingungen diktieren. „Das ist ganz normal in Arabien“, sagt Jacques. „Erst musst du zahlen, dann verdienst du vielleicht was.“ Dabei geht es nicht um Peanuts: Um die 100 000 Dollar sind fällig, ehe auch nur ein Promoter einen Finger rührt. So viel kann Jacques nicht aufbringen, schon die Aufnahmen haben ihn ein Heidengeld gekostet. Das wiederum kann er nur erwirtschaften, wenn jemand seine Musik auch auf den richtigen Markt bringt. Jacques sitzt in der Zwickmühle. Immerhin hat er jetzt in Dubai eine Firma gefunden, die seine CD veröffentlichen will. Zahlen muss er „nur“ die Presskosten und eine Videoproduktion. Doch auch das ist Geld, das Jacques nicht hat.
Noch denkt er nicht daran, den Traum vom Ruhm aufzugeben, den er seit gut drei Jahren besonders heftig träumt. Damals wurde Jacques, der gelegentlich auch ein paar Euro als Model verdient, in einer Disco für einen Sänger gehalten. „Ich sagte nur: Nein, nein, ich bin Friseuse. Da meinte der andere: Schön blöd.“ Seitdem singt Jacques, wenn es sich ergibt, auf Hochzeiten, türkisch oder arabisch. Aber da wird meist Folklore verlangt, und das „ist eigentlich nicht so mein Ding“.
Also Orient-Pop, auf Arabisch, Türkisch und - warum denn nicht? - auch auf Französisch, Englisch oder Deutsch. Jacques, 1991 mit seinen Eltern vor dem Krieg im Libanon nach Deutschland geflohen, spricht all diese Sprachen. Jetzt muss ihn nur noch jemand entdecken. Vielleicht ist unter den Reisenden am Kölner Hauptbahnhof ja demnächst ein arabischer Plattenboss.
Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Ruf 2 24-23 23 /22 97, E-Mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.
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