Von MARKUS DECKER, 15.05.06, 10:07h, aktualisiert 15.05.06, 12:15h
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn mein Vater noch lebte. Ich würde ihn auf die Besuchertribüne des Reichstages lotsen - zu einer großen Debatte. Zunächst würde der Bundeskanzler sprechen. Und dann die Vorsitzende. Seine Vorsitzende. Angela Merkel von der CDU. Mein Vater wäre jetzt 70 Jahre alt. Doch bei der Vorstellung entsteht kein wirkliches Bild. Mein Vater ist seit fast 24 Jahren tot.
Ich wäre nicht geworden, was ich bin, Berliner Korrespondent dieser Zeitung, wenn es meinen Vater nicht gegeben hätte. Und dass ich mich hier um die CDU kümmern muss - es ist vielleicht kein Zufall. Mein Vater, Jahrgang 1934, trat in die Christlich-Demokratische Union ein, als die junge Bundesrepublik zum Höhenflug anhob. Er war Bäcker, heiratete meine Mutter, eine Verkäuferin, und übernahm den Betrieb seiner Eltern. Mein Vater war katholisch, meine Mutter war katholisch. Mit der Mitgliedschaft in der CDU verhielt es sich, wie es sich heute kaum noch verhält, wenn man einer Partei angehört: Man war Teil einer Glaubensgemeinschaft, einer Kirche.
Wir lebten in Borghorst; das liegt zwischen Münster in Westfalen und der niederländischen Grenze. In Borghorst waren fast alle katholisch. Meine Mutter sagte noch 1994, als ich aus beruflichen Gründen umzog in die protestantische Lutherstadt Wittenberg: "Du wirst doch jetzt nicht die Seiten wechseln!" Die CDU verkörperte das Wirtschaftswunder, Recht und Ordnung nach innen und die Westbindung nach außen. Meine Eltern befanden sich in völliger Übereinstimmung mit den Dingen. So wie die Dinge waren, so waren sie gut.
Mein Vater hat dann eines Tages begonnen, Politik zu machen - kleine Politik, Graswurzelpolitik. Er engagierte sich im Ortsverein seiner Partei und wurde in den Rat der Stadt gewählt. Das war ihm Ehre und der Familie zuweilen eine Last. Mein Vater stand morgens um halb vier auf, arbeitete bis zwölf in der Backstube, aß, legte sich schlafen bis um vier Uhr nachmittags - und entschwand schließlich in eine der geheimnisvollen Sitzungen, die meist erst um zehn Uhr abends mit einem Glas Bier endeten. Ich hätte von meinem Vater gern mehr gehabt. Dafür hat er mir etwas hinterlassen: die Leidenschaft für Politik.
Ich habe frühzeitig begonnen, mich zu interessieren. Es ging um die Begründung einer Identität, meiner Identität. Das mündete in Kontroversen. Ich lehnte Franz Josef Strauß ab, den großen Vorsitzenden der CSU. Mein Vater verehrte ihn. Die Nutzung der Atomenergie war mir höchst suspekt. Mein Vater sah dazu keine Alternative. Ich war überzeugt, der Westen müsse den Rüstungswettlauf mit dem Warschauer Pakt stoppen. Mein Vater hielt das für eine gefährliche Schwäche. (An Strauß würde ich mich heute wohl immer noch stoßen. Das "Atomkraft? Nein danke" würde mir angesichts des Klimawandels und der Ressourcenknappheit kaum mehr über die Lippen kommen. Und für die so heftig umstrittene Nachrüstung der Nato Anfang der achtziger Jahre gab es allemal gute Gründe.)
Oft debattierten wir abends vor dem Fernseher. Ich war vielleicht 15 damals. Da mein Vater früher aufstehen musste als ich, ging er auch früher ins Bett. Oft allerdings kam er mehrmals barfuß und im Schlafanzug zurück, mit einem Argument oder einem Gedanken. Es ging ja um mehr als um Meinungen. Aus der Sicht meines Vaters ging es ums Ganze - eine Haltung, in der Religiöses, Privates und Politisches kaum zu trennen waren. An Gott glaubte mein Vater sowieso. Aber er wollte auch sonst glauben, vor allem an die Führung der CDU und deren Positionen. Ich sollte dasselbe tun. Dafür hat mein Vater mit aller Macht gestritten - jedoch ohne autoritäre Geste, zu der er ohnehin nicht fähig war. Statt dessen kam er im Schlafanzug und versuchte zu überzeugen. Es lag etwas vollkommen Arg und -Wehrloses in diesen Auftritten. Ich habe ihn geliebt dafür.
An meinem Vater habe ich gesehen, wie man an der Politik irre werden kann, selbst wenn sich die Sache, um die es ging, rückblickend weniger dramatisch als rührend ausnimmt. Unsere in allem eher mittelmäßige Stadt Borghorst sollte im Rahmen der so genannten kommunalen Gebietsreform mit der fünf Kilometer entfernten Stadt Burgsteinfurt zusammengeschlossen werden. Früher trafen sich Kerle beider Siedlungen im Wald und prügelten sich. Die beabsichtigte Vereinigung spaltete die lokale politische Öffentlichkeit.
Mein Vater stritt vehement für die Eigenständigkeit seiner Heimat. Er tat es in seiner CDU. Er tat es zu Hause. Er tat es, wenn er zweimal in der Woche mit dem VW-Kastenwagen durch die Stadt und über Land fuhr, um seine Backwaren zu verkaufen. Mein Vater diskutierte mit den Leuten. Er sammelte schlussendlich mehr als 400 Unterschriften gegen die Fusion. Und er verzweifelte an der eigenen Partei. Dort spielten sie aus seiner Sicht vielfach nicht mit offenen Karten oder, was wesentlich schlimmer für ihn war: Sie wechselten urplötzlich und ohne erkennbaren Grund die Seiten.
Der Anlass scheint nichtig. Die Erfahrung war es nicht. Mein Vater erlebte im Kleinen, was er, wenn es um das Große ging, stets übersah: Illoyalität, Unaufrichtigkeit, Verrat. Das alles hasste er. In der großen Politik waren all die unvermeidlichen Begleiterscheinungen weit genug weg, um sie ausblenden zu können. Ich begann meine pubertär-forsche Argumentation meist damit, dass ich ihn auf diese und andere Widersprüche hinwies.
Im Zuge des Streits um den Zusammenschluss zweier unbedeutender Städte im westlichen Münsterland brachen politische Freundeskreise auseinander. Mein Vater stieg aus der Politik aus. Er legte sich mit Anfang 40 ein neues Hobby zu: das Segeln. Während eines Ausflugs auf den Dümmer See kenterte sein Boot. Mein Vater starb am 19. April 1981 mit 46 Jahren, ein befreundeter Pfarrer war mit an Bord - und überlebte. CDU-Mitglied blieb mein Vater bis zuletzt.
Meine Mutter ließ damals auf den Grabstein schreiben: "Eheleute Heinz Decker". Als wäre auch sie, Ingeborg Decker, geborene Elfenkämper, bereits tot. In gewisser Weise stimmte das sogar. Doch meine Mutter lebte noch 21 Jahre. Sie trauerte. Ihre Trauer verwandelte sich über die Jahre in einen Schutzschild gegen die von außen an sie herangetragene Erwartung, das Leben neu beginnen zu sollen. Auch dies hatte mit der CDU zu tun - nicht direkt mit der CDU, aber mit dem katholisch-kleinstädtischen Milieu, aus dem heraus die münsterländische CDU erwuchs. Das Milieu gab Menschen einen Anker. Und es machte sie unfrei.
Meine Mutter hing noch viel existenzieller am katholischen Glauben als mein Vater. Bis zu ihrem Tod hat es Auseinandersetzungen darüber gegeben, warum ihre Söhne sich diesem Glauben nicht mehr verpflichtet fühlten. Meiner Abwendung von der Kirche folgte mit den Jahren eine neuerliche Hinwendung. Mit meiner Mutter habe ich darüber nicht sprechen können, weil sie das Thema zu einer Frage von Sieg oder Niederlage erklärt hatte. Sie machte die 68er-Lehrer für meinen Unglauben verantwortlich, ohne einer intellektuellen Debatte gewachsen zu sein. Ihr Argument lautete: "Es muss doch einen Gott geben!" Es muss.
Meine Mutter lag jenem Helmut Kohl zu Füßen, den sie vom akademischen Deutschland als "Birne" verhöhnt sah. Wenn es der CDU nicht gut ging, entgegnete sie immer: "Die anderen können es auch nicht besser!" Das war so wenig zu widerlegen wie der Satz: "Es muss doch einen Gott geben!" Meine Mutter hatte nach dem Tod meines Vaters den Betrieb aufgelöst und verpachtet. Von ihrem Wohnzimmer aus beobachtete sie die Welt.
In den siebziger Jahren hatte diese Welt noch mit ihren persönlichen Idealen übereingestimmt, jedenfalls oberflächlich und was die privaten Verhältnisse betrifft. Die Menschen bei uns zu Hause besuchten den Gottesdienst. Sie verdienten ihr Geld mit ehrlicher Arbeit, es waren zumal für Handwerker und Einzelhändler wie meine Eltern Zeiten relativ ungefährdeten Wohlstandes. Paare heirateten und bekamen Kinder. Eine Ehescheidung war ein Makel. Dass ein Paar sich trennte, bloß weil einer der beiden Partner nicht mehr glücklich war, lag für meine Mutter außerhalb jeder Vorstellungskraft. Unvorstellbar war zudem, was ihr eigener Vater eines Tages andeutete: dass er während der Weimarer Republik mal SPD gewählt hatte.
Je mehr die Zeit voranschritt, desto unübersehbarer klafften die Moral meiner Mutter und das Leben auseinander. Dies war ihr freilich kein Zeichen normaler Veränderung; es war ein Zeichen der Verirrung der Welt. Die Wirklichkeit war in ihren eigenen vier Wänden. Das Unwirkliche geschah draußen. Es konnte keinen Bestand haben.
Meine Mutter hielt sich am Katholizismus und an ihrer CDU fest wie an einer Boje. Sie hatte Angst. Die Angst rührte, so vermute ich, vom Krieg her. Die Schulzeugnisse meiner Mutter aus den letzten Kriegsjahren tragen die Unterschrift meiner Großmutter. Mein Großvater diente der Wehrmacht und lehnte später den Wunsch seiner Frau nach Reisen ins Ausland mit dem Hinweis ab, selbst schon alles gesehen zu haben. Je älter meine Mutter wurde, desto öfter sprach sie über Geld. Mit Geld verknüpfte sich jene scheinbare äußere Sicherheit, die sie in sich nicht fand.
Die Angst meiner Mutter vor dem Leben als Prozess der Veränderung verband sich mit einer zeitgeschichtlich geprägten Form der Religiosität, in der Individualität und eigene Ansprüche keinen Platz hatten - schon gar keine weiblichen Ansprüche. Katholizismus, das war Angst und Schuld und Dunkelheit, die süchtig machen kann.
Mir fällt jetzt beim Schreiben Hannelore Kohl ein. Die Frau des Altkanzlers ordnete ihre Existenz seiner Existenz unter und schied freiwillig aus dem Leben. Sie ertrug das Licht nicht. Hannelore Kohl war lediglich ein Jahr älter als meine Mutter. Es war dieselbe, langsam verschwindende Generation.
In einem unserer letzten Gespräche über Politik deutete meine Mutter an, dass sie von ihrer Vorsitzenden nicht viel hielt. Die ostdeutsche Protestantin Angela Merkel - kinderlos und selbstbewusst - war ihr vermutlich die denkbar größte Provokation. Diese Frau wartete nicht. Sie fürchtete sich nicht vor der Veränderung. Sie trieb diese Veränderung voran und die Männer vor sich her. Das Leben hatte von der CDU Besitz ergriffen, so muss meine Mutter das empfunden haben.
Die Partei von sich aus zu verlassen wäre ihr gleichwohl nicht in den Sinn gekommen. Dabei war offensichtlich: Eine Partei, in der so eine Frau Vorsitzende werden konnte, die konnte nicht mehr ihre Partei sein.
Seit gut vier Jahren nun ist die CDU Hauptgegenstand meiner journalistischen Arbeit. Ich spreche mit ihren führenden Repräsentanten. Ich beobachte Parteitage. Ich berichte über die unausweichlichen Konflikte in der Sache ebenso wie über das Intrigenspiel um die Macht in der Hauptstadt.
Ich benutze Politiker, um Nachrichten aus ihnen herauszuholen. Politiker benutzen mich, um ihre Botschaften hinauszuposaunen und um (innerparteiliche) Konkurrenten auszustechen. Unterdessen sehe ich, wie die Christlich-Demokratische Union sich wandelt und das religiöse Motiv vom Zentrum an den Rand gerät. Das Religiöse ist nicht flexibel genug in diesen schnellen Zeiten; es wird zum Hindernis. Dabei ist das Beschreiben des Wandlungsprozesses gleichbedeutend mit dem Überdenken der eigenen Position. Was ist richtig? Hier gibt es Konstanten der Wahrnehmung.
Ich suche, was mein Vater gesucht, und ich verachte, was mein Vater verachtet hat: die reine aufrechte Gesinnung auf der einen und das schmutzige Taktieren um des persönlichen Vorteils willen auf der anderen Seite - wohl wissend, dass mit der aufrechten Gesinnung in der großen Politik meist nichts zu gewinnen ist. Dennoch gibt es sie.
Ich hege wie mein Vater unrealistische Erwartungen an den politischen Betrieb - dass er Entscheidungen nach moralischen Erwägungen treffen möge und Einsichten im Zweifel bis zur bitteren Neige vertrete. Dann werde ich enttäuscht. Für kurze Zeit. Ich möchte ja glauben. Eigentlich.
Von meiner Mutter mag kommen, dass ich jene in der CDU am meisten schätze, die aus christlicher Überzeugung Politik betreiben. Sie finden sich unter den Familienpolitikern oder unter solchen, die der Gentechnik nicht Tür und Tor öffnen möchten. Die Konservativen haben Schutz verdient. Artenschutz. Ich neige dazu, diese Menschen zu überschätzen.
Nah sind mir die, die auf verlorenem Posten stehen. Wie Norbert Blüm in der CDU. Der ist auf dem Parteitag in Düsseldorf im Dezember 2004 wohl zum letzten Mal aufgestanden und hat am Mikrofon vor 2000 Menschen erläutert, warum er die Kopfpauschale in der Krankenversicherung für unsozial hält. Zurück auf seinem Stuhl in einer hinteren Reihe wiederholte der kleine runde Mann mit hochrotem Kopf an mich gerichtet: Dieser Raubtier-Kapitalismus hat keine Zukunft! Nie und nimmer!
Ich hegte nicht nur in diesem Augenblick eine tiefe sentimentale Zuneigung für den vormaligen Minister, in dessen Büro ich einmal gesessen hatte und der Wärme verströmte wie ein Ofen. Diese Zuneigung rührt auch daher, dass wir sie heute teilen könnten: mein Vater, meine Mutter und ich. Mein Vater, weil Blüm so störrisch geblieben ist. Meine Mutter, weil alles unverändert scheint. Ich, weil Blüm Gerechtigkeit wichtig ist, wichtiger als den Jungen in der CDU.
Irgendwann Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre hielt Blüm in unserer Stadt eine Rede. Ich lauschte dem Politiker, der, wild gestikulierend und damals schon mit hochrotem Kopf, Floskeln aneinander reihte. Ich fand ihn so unmöglich, wie die Mehrheit der CDU Blüm heute unmöglich findet.
Die Versammlung fand statt im großen Saal der Gaststätte "Tümler". Bei Pils, Korn und Zigarettenrauch. In denselben Saal luden wir zu Kaffee und Butterkuchen, zunächst als mein Vater, dann als meine Mutter gestorben war.
In den Reichstag komme ich mit meinem Vater leider nicht mehr.
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