Von MANUELA BRAUN UND MARION LÜTTIG, 10.06.06, 07:06h, aktualisiert 10.06.06, 09:09h
Geschockt von diesem Echo, ließen die Sender die deutschen Fernsehzuschauer noch bis Ende der 90er Jahre warten, bis mit Ellen De Generes erstmals eine lesbische Hauptfigur Einzug in die Fernsehwelt hielt. Die Amerikanerin outete sich als Lesbe in ihrer eigenen Sitcom „Ellen“ spektakulär über die Lautsprecheranlage eines Flughafens. Diese Serienfolge gewann sogar einen Emmy, und Ellen De Generes blieb - vorerst. Eine weitere Staffel der Serie wurde nicht mehr produziert.
Was einst vom Mut eines Senders zeugte, gehört heute fast schon zum guten Ton. Mehr noch: Schwule oder lesbische Figuren sind en vogue. Sat 1 setzte in „Mit Herz und Handschellen“ und „SK Kölsch“ gleich auf zwei schwule Ermittler. Auch in „Will & Grace“ auf Pro Sieben bildet Will den schwulen Gegenpart zur heterosexuellen Grace. Schwule heiraten nicht nur in der „Lindenstraße“, sitzen gemeinsam in der Badewanne, adoptieren Kinder oder bekommen gleich selbst welche wie Carrie Weavers Lebensgefährtin Sandy Lopez in „Emergency Room“ - all dies ganz ohne Morddrohungen. Selbst die Daily-Soaps wie „Marienhof“ oder „Verbotene Liebe“ (ARD) kommen nicht mehr ohne Lesben und Schwule aus. Das Fernsehen hat die homosexuelle Zuschauergruppe für sich entdeckt.
Der neueste Trend: Serien, deren Protagonisten allesamt homosexuell sind, bei denen es auch beim Sex deutlich über den in den 90ern heiß diskutierten leidenschaftlichen Kuss hinausgeht. Pro Sieben sendet seit Januar mit „Queer as folk“ eine „neue Serie über Liebe und Freundschaft in einer Gay-Community“ - und hat sich mit 00.05 Uhr für einen Sendetermin entschieden, der niemandem wehtut. Das lesbische Pendant „The L-Word - Wenn Frauen Frauen lieben“ läuft seit Ende Mai dienstags bereits um 22.15 Uhr.
Hohe Einschaltquoten wie bei der Ausstrahlung in den USA lassen hier allerdings noch auf sich warten. Immerhin, bei „Queer as folk“ sehen trotz später Sendezeit durchschnittlich eine halbe Million Zuschauer zu, das entspricht einem Marktanteil von 10,2 Prozent. Die Pilotfolge von „The L-Word“, die parallel zum Fußball-Spiel Deutschland-Japan lief, sahen 12,9 Prozent. Bei der zweiten Folge waren es allerdings nur noch 10,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Durchschnitt erreichen Pro-Sieben-Sendungen einen Marktanteil von.
Die Handlung von „The L-Word“ spiegelt durchaus - wenn auch auf Hochglanz poliert - den Alltag lesbischer Frauen wider. Die Insidersprüche und der Wortwitz gehen jedoch in der Synchronisation weitgehend verloren.
„Die Themen von »The L-Word« sind absolut realistisch“, meint Renate Rampf vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD). „Es ist wichtig, dass lesbisches Leben in der Öffentlichkeit präsent ist.“ Und Manuela Kay, Chefredakteurin des Lesbenmagazins L-Mag ergänzt: „Die Probleme sind doch überall die gleichen: Liebe, Intrigen, Frust und Lust.“
Andere Sender jedoch liegen mit ihren Interpretationen homosexuellen Lebens kräftig daneben. So bedient Sat 1 mit „Bewegte Männer“ das pure Klamaukfach. Hier gibt es Waltraud, die eigentlich Walter heißt, schrille Fummel liebt und selbstredend als „Friseurin“ arbeitet. Bei RTL buhlt seit nunmehr neun Jahren Knastlesbe Christine Walter (Katy Karrenbauer) in „Hinter Gittern“ um die Liebe im Gefängnis, in dem auch ansonsten die lesbischen Beziehungen blühen. Tragisch sei das, so Renate Rampf: „Das bedient nur Klischees, in denen lesbische Liebe lediglich dann stattfindet, wenn keine Männer da sind.“
Die Serienwelt ist in den vergangenen 25 Jahren erwachsener geworden: Von den ersten zögerlichen Versuchen, Homosexualität in „Dallas“ zu thematisieren bis zu „The L-Word“ war es ein weiter Weg. Noch 1981 hatte die Familiensaga das amerikanische Publikum mehr als irritiert: Kit Mainwaring sollte, obwohl er schwul war, von JR Ewing in eine Ehe mit Lucy Ewing gedrängt werden. Kit's Outing lässt die Hochzeit platzen. Diese Episode wurde bis heute nicht im deutschen Fernsehen gezeigt.
Aber vielleicht werden ja bei der nächsten schwul-lesbischen TV-Modewelle alle zensierten Serienfolgen und -szenen hintereinanderweg gesendet.
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