Von MARKUS DECKER, 17.06.06, 07:00h
Berlin - Citha Maaß redet nicht drum herum. Sie sei in Sachen Afghanistan „nicht optimistisch; man hat viele Probleme unterschätzt und sich die Komplexität des Landes nicht genügend vor Augen geführt“. Maaß ist Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat das Land am Hindukusch seit 1996 regelmäßig bereist und ist gerade von einem einmonatigen Aufenthalt zurückgekehrt. Ihr Fazit ist klar: Afghanistan stehe auf der Kippe.
Wirtschaftlich sei zu wenig geschehen. Die Hauptstadt Kabul prosperiere, sagt Maaß. Auf dem Land jedoch sei die Lage unverändert schlecht. Dies spreche sich in den weit verzweigten Familienclans herum. Die Verzweiflung unter den oft bettelarmen Menschen wachse, und damit der Verdruss über die Verhältnisse.
Politisch habe der Westen nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 nicht auf einen tragfähigen demokratischen Unterbau geachtet. Präsident Hamid Karsai enttäusche Afghanen wie westliche Geber immer mehr. Er begünstige korrupte Eliten, um die eigene Macht abzustützen. „Karsai verhält sich nicht wie ein Demokrat“, so Maaß. „Der Glanz blättert ab. Die Frage lautet, ob er der geeignete Mann ist.“ Mental zeige sich schließlich deutlicher denn je, dass die Afghanen ein traumatisiertes Volk seien. 57 Prozent der Menschen seien jünger als 18, erinnert die Wissenschaftlerin. Sie hätten in ihrem Leben nur Krieg erlebt. Auch deshalb reiche ein Funke, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen, wie bei den Unruhen in Kabul. Die Misere bilde sich im Militärischen ab. Die Taliban reorganisierten sich und fänden neuen Zulauf. „Die US-Truppen gebärden sich wie Besatzer. So steigt die Gefahr, dass alle internationalen Truppen in einen Topf geworfen werden.“
Die Afghanistan-Expertin fordert keineswegs den Rückzug des Westens, im Gegenteil: „Im Moment ist es besonders wichtig, Flagge zu zeigen, militärisch und zivil.“ Freilich werde der Faktor Zeit täglich wichtiger. Derzeit bestreite die Regierung Karsai ihren Etat zu 93 Prozent aus westlichen Zuschüssen; diese nähmen 2011 stark ab. „Bis 2011 zählt jedes halbe Jahr“, betont Maaß. „Je sumpfiger die Angelegenheit jetzt wird, desto schwerer wird es, den Sumpf später trockenzulegen.“
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