Von ALEXANDRA WACH, 19.06.06, 07:03h
Wenn man die Absage der WDR-Fernsehspielredaktion auf das Exposé zu „Good Bye, Lenin!“ sieht, fragt man sich, wie viele andere originelle Stoffe wohl an der Fehleinschätzung von Fernsehredakteuren gescheitert sind. Sie bescheinigten dem Autor Bernd Lichtenberg zwar eine „hübsche“, aber allzu „konstruierte Idee“ und nahmen Anstoß an dem zeitgeschichtlichen DDR-Kontext, der doch bitte in den Hintergrund treten möge. Nicht nur, dass sich Wolfgang Beckers Wiedervereinigungskomödie mit über 6,6 Millionen Kinobesuchern allein in Deutschland als einer der erfolgreichsten Nachkriegsfilme erwies, er verkaufte sich zudem in mehr als 75 Länder und machte Jungstar Daniel Brühl auf Anhieb zum international gefragten Newcomer.
Publikumshits wie „Alles auf Zucker“ oder „Sommer vorm Balkon“ haben die deutsche Filmlandschaft verändert. Produziert hat sie sämtlich die Firma „X Filme Creative Pool“. Neben den ehemaligen Kinobetreibern Tom Tykwer und Stefan Arndt waren es die Regisseure Wolfgang Becker und Dany Levy, die 1994 zum Gründungsquartett in einem kleinen Büro gehörten. Ihre ersten X-Filme „Stille Nacht“ und „Das Leben ist eine Baustelle“ fanden Zuspruch bei der Kritik, floppten aber beim Publikum. Dann kam „Lola rennt“. Allein in den USA spielte der Film mit Franka Potente sieben Millionen Dollar ein. Nicht nur Potente verdankt X-Filme ihren internationalen Durchbruch. Maria Schrader, Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel oder Joachim Kròl gehören zum festen Darstellerstamm.
Rund dreißig Kinofilme gehen inzwischen auf das Konto der Berliner. Für das Düsseldorfer Filmmuseum Grund genug, um die Macher hinter dem Label zum ersten Mal mit einer Ausstellung und einer ausführlichen Filmreihe zu würdigen. Der Rundgang beginnt mit den Einflüssen von der amerikanischen Firma United Artists über die Nouvelle Vague bis zum Neuen Deutschen Film der 60er. Für Tom Tykwer bot das Projekt „X-Filme“ vor allem einen Schutzraum. „Ohne es hätte meine Karriere gar nicht stattgefunden“, erzählt der Autodidakt Tykwer. Pragmatisch, unterhaltsam und trotzdem nah an der Realität: So ließe sich die geschäftliche wie künstlerische Philosophie der X-Filmer beschreiben. Ihren Plan, eine Brücke zwischen Anspruch und ökonomischen Erfolg zu schlagen, nimmt sich auch die Ausstellung zu Herzen. Publikumswirksame Devotionalien aller Art sind zu sehen: Von dem knallgelben Huhn-Anzug aus „Das Leben ist eine Baustelle“, in dem Jürgen Vogel durch Berlin stampfte, über Franka Potentes rote Perücke aus „Lola rennt“ bis zu Lenins Büstenkopf. Praktische Aspekte der Filmherstellung illustrieren Drehbücher, Storyboards und Preis-Trophäen, die in Glasvitrinen ausgestellt die Höhepunkte der Firmengeschichte dokumentieren. Die museale Vereinnahmung beweist: Die aktuelle Vielfalt des deutschen Kinos lässt sich ohne die Pionierarbeit der X-Filmer nicht denken. Und die fetten Jahre sollen erst noch beginnen mit zwei X-Werken im August und Oktober - dem Regiedebüt von Franka Potente und einem neuen Film von Sebastian Schipper.
Ausstellung und Filmreihe im Filmmuseum Düsseldorf, Schulstraße 4, bis 27. August. Di. und Do.-So. 11-17, Mi. 11-21 Uhr.
www.duesseldorf.de/kultur/filmmuseum
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