Von NORBERT RAMME, 21.06.06, 15:20h, aktualisiert 21.06.06, 15:21h
Dort, wo noch Plakate an den Wänden von den lokalen Erfolgen der Vorgängerbands Punishment und Confused zeugen, die es zwischen 1996 und 1999 in Vingst und Umgebung zu „Weltruhm“ gebracht hatten. An vergangene Tagen erinnert auch noch ein überdimensionaler Spendenscheck. Da hatte es mal einen 125-Mark-Zuschuss fürs Musikprojekt gegeben.
„Vor einigen Monaten hab ich beide Rapper einfach mal in den Keller geschickt, damit sie hören, wie richtige Instrumente klingen“, sagt Sozialarbeiter Heinz Sieke, der das Bürgerzentrum und vor allem den dortigen Musikbereich leitet. Herausgekommen bei dem Zusammentreffen der Fans von „weißen“ Rockrhythmen auf der einen und schwarzen Rap- und Soulgesängen auf der anderen Seite ist eine neue Version des Led-Zeppelin-Klassikers „Kashmir“ - und eine neue Band, das Quintett V-Attakk.
„Kashmir“ hatte ja vor einiger Zeit auch schon US-Rapper P. Diddy - der sich zuvor Puff Daddy nannte - bearbeitet und mit neuem Refrain „Come with me“ in die Hip-Hop-Abteilung übernommen. Und diesen Song haben die fünf Jungs inzwischen schon so richtig gut drauf. Sogar die Gitarrenriffs, die einst Jimmy Page vorgelegt hat. Sieke: „Gitarrist Daniel Machnik ist aber auch ein echtes Talent.“
Der 15 Jahre alte Schüler vom Deutzer Gymnasium Thusneldastraße mit Vorlieben für Rock, Trance und Techno war vor vier Jahren erstmals in die „Rockstation“ gekommen. „Ich hatte gehört, dass man dort kostenlos Instrumente erlernen konnte.“ Zunächst nahm er Saxophonunterricht und mischte schon bald in der Bläsergruppe des Bürgerzentrums mit. „Dann bin ich irgendwann mal runter in den Keller gegangen. An dem Tag hab ich angefangen Gitarre zu spielen.“ Zunächst auf einem Leihinstrument des Bürgerzentrums (Sieke: „Außer Schlagzeug dürfen die Jugendlichen alle Instrumente zum Üben mit nach Hause nehmen“), mittlerweile auf einer eigenen E-Gitarre. „Bass kann ich inzwischen auch.“
Daniel macht gleich in vier unterschiedlichen Bandprojekten mit. „Ich übe hier jeweils montags, dienstags, mittwochs und freitags.“ Warum nicht auch am Donnerstag? „Das geht leider nicht“, sagt Daniel und lacht ganz breit. „Donnerstag ist im Bürgerzentrum Mädchentag.“
Seine rockenden Mitstreiter bei V-Attakk hat er sich selbst zusammengesucht. Markus Pawlytta (19) gehört dazu. „Ich musiziere seit sieben Monaten. Die ersten Griffe auf der Gitarre hat Daniel mir beigebracht“, sagt der Systemelektroniker-Lehrling (drittes Ausbildungsjahr) bei der Telecom. Und da man zum richtigen und lauten Rocken auch einen Schlagzeuger braucht, überredeten die beiden ihren Freund Peter Gonska einzusteigen. „Ich nehme jetzt seit einem halben Jahr hier in der Rockstation auch richtigen Schlagzeugunterricht. Zu Hause üben geht leider nicht. Hab ja noch keine eigenen Trommeln.“
Während Markus und Peter sich noch eher als Anfänger sehen, hat Daniel schon erste Auftritte mit Bands aus der Rockstation hinter sich. So spielte er mit dem Saxophon in einer bunt zusammengewürfelten Band, die sich für das Bürgerzentrum im Vorjahr am Wettbewerb „re:spect rockt“ der „Aktion Mensch“ beteiligt hatte. „Wir wollten aufzeigen, dass der Begriff »Respekt« bei uns nicht nur als Wort, sondern auch im übertragenen Sinn wirklich groß geschrieben wird“, betont Sieke, „neben der eigenen Betroffenheit sollte auch die Solidarität zu all denen rüberkommen, die sich mit ihrem alltäglichen, demokratischen Handeln und ihrer vielfältigen Kreativität gegen Intoleranz und Ausgrenzung einsetzen.“
Für ihre knackige Rockkomposition „Defekt - witout respect“ wurden die Vingster sogar ausgezeichnet. Darin heißt es: „Zeigst kein Interesse an den vielen Nationen, du strebst nur danach, menschliche Typen zu klonen. Eine gemeinsame Welt steht nicht in deinem Sinn, weil wir fremd, anders und deshalb für dich minderwertig sind. R-E-S-P-E-C-T - for an interculturally society. Without Respect - you are defekt.“
Auch Samet, Hauptschüler an der Albermannstraße in Kalk, und Anil vom Ostheimer Gymnasium haben im Studio des Bürgerzentrums schon einen ersten Song aufgenommen und produziert - mit dem Rap-Projekt 5 Brüder. Das war eigentlich ein Nebenprodukt eines Kursusangebotes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zur Schul- und Ausbildungsorientierung. Wochenlang hatten die Jungs hochmotiviert an einer deutschen sowie einer türkischen Version des Textes gebastelt. „Ich kann auf beiden Sprachen rappen“, sagt Anil, „meine Vorbilder sind Ceza sowie Bushido und Ekko Fresh.“
Auch Texte über die Situation von Ausländern und die Probleme von Vingst und über seine erste Liebe hat er geschrieben. „Die Freundin hab ich zwar noch, aber mit der Liebe zwischen uns ist es irgendwie vorbei“, sagt er ganz ehrlich.
Übrig geblieben als Ergebnis war dann eine zweisprachigen Rap-Performance. „Burasi Vingst, bizim mekanimiz“ oder auch „Wir packen"s an und bringen"s dann. Yeah! Wir sind die Vingster. Keine Pseudo-Gangster. Wir geben euch unsern Stolz pur, so kommt nur. Wir wissen nicht, was ihr wollt, wir brauchen kein Gold. Wir beaten euch mit tausend Volt!“
Ähnliche Stärken wollen die Jungs nun auch mit V-Attakk beweisen. Wobei das V für Vingst steht, den Stadtteil, aus dem vier der fünf stammen. „Eins der beiden K steht dann für Kalk“, sagt Markus lachend. „Denn da wohne ich.“ In den nächsten Wochen wollen sie fleißig im Probenkeller üben, denn beim Sommerfest zum 30-jährigen Bestehen des Bürgerzentrums im September soll es erstmals auf die Bühnen gehen - mit mehreren Songs.
Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Telefonnummer: 224-2323 /2297
Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden - auf CD oder als Sounddatei - mit einer E-Mail. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.
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