Von FRANK OLBERT, 22.06.06, 12:37h
Unter den zahlreichen Rätseln, die der Film aufgibt, ist dieser Name vielleicht das größte. Stephen Frears hat mit „Mein wunderbarer Waschsalon“ oder „Sammy und Rosie tun es“ einst verschrobene, abseitige Szene-Geschichten gedreht, Londoner Milieustudien aus den 80er Jahren, in denen man noch wusste, was das Wort Punk bedeutete. Mit „Lady Henderson präsentiert“ scheint dieser Außenseiter nun beim Nationaldrama angekommen zu sein, nach einer 20 und mehr Jahre andauernden Wandlung vom Provokateur zum Patrioten. Doch glücklicherweise hält sein neuer Film mehr als nur dem ersten Blick stand.
Denn womit jene Lady Henderson - gespielt von Judi Dench - unter dem Beschuss der deutschen Bomber das nationale Selbstwertgefühl ihrer Landsleute hebt, ist eine Zumutung: zumindest für prüde Geister wie Lord Chamberlain, dem die Aufsicht über die britische Kultur obliegt. Lady Henderson präsentiert Englands erste Nacktrevue. Bare Busen für den Sieg, denn der Blick auf nackte Haut lässt Soldatenherzen höher schlagen: Mit diesem Argument kann Lady Henderson gar die Schließung ihres Windmill Theatres verhindern.
Damit ringt Frears seinem mehr als ein halbes Jahrhundert verspäteten Durchhaltefilm immerhin eine ironische Wendung ab, die ihn eben nicht zu Getöse und nationalem Furor lenkt. Mit Judi Denchs hintergründiger Lady Henderson, ebenso wie mit ihrem jüdischen Theaterintendanten Vivian Van Damm alias Bob Hoskins macht er zwei Figuren zu britischen Symbolgestalten, die das genaue Gegenteil zum steifbeinigen Monokelträger Chamberlain sind: Sie sind abgründig und sarkastisch, durchtrieben und leidenschaftlich, großstädtisch und kühn.
Frears neues Werk scheint wie ein historischer Kostümfilm über die späten 30er Jahren daherzukommen, doch bei genauerem Hinsehen setzt er sich komplexer wie ein Bild mit vielen verschiedenen Schichten zusammen.
Man muss nur eine ein wenig ankratzen, und schon gelangt man von einer politischen Geschichte zur Kultur- und Sittengeschichte Englands, „Lady Henderson“ präsentiert sich als Theaterfilm und als eine verhaltene Liebesgeschichte: Zu den anrührendsten Szenen zählen zweifellos die Begegnungen zwischen der reichen Erbin Lady Henderson und ihrem genialischen Intendanten Van Damm, der bis auf seine Dickköpfigkeit nur einen weiteren Nachteil hat - er ist verheiratet.
Dabei würden diese beiden Darsteller ein wunderbares Ehepaar abgeben - zumindest kabbeln sich Judi Dench und Hoskins so lustbetont, als seien sie eins. Das alles ist immer ein bisschen exzentrisch, immer ein we nig auf ach so schwarzen britischen Humor getrimmt, und wenn die Schauspieler nicht so gut wären, würde dieser Film einem vermutlich rasch auf die Nerven gehen. Doch weil Dench und Hoskins über ihre ewigen Streitereien hinaus am Ende doch noch zu weiteren Nuancen finden und weil neben ihrer Beziehung auch noch andere in den Blick geraten, kriegt Frears im letzten Augenblick immer wieder die Kurve. Dafür kann er sich bei seinem Ensemble bedanken. „Lady Henderson präsentiert“ beruht auf Ereignissen, die so vorgefallen sind, und auch die moralischen Verklemmungen, die Frears einfängt, dürften den Verhält nissen im damaligen, noch ländlich dominierten England entsprechen - insofern betreibt sein Film Landeskunde mit den Mitteln genauer Rekonstruktion, was Kulissen und Kostüme, aber auch was die Stimmungen betrifft. Kino als historische Selbstvergewisserung. Und doch: Bei allem, was man an atmosphärischer Dichte und schauspielerischer Leistung loben kann - so restlos glücklich kann man „Lady Henderson präsentiert“ nicht goutieren. Vielleicht liegt es am Auftritt der Lady, wenn sie auf die Trümmer wie auf Straßenbarrikaden steigt und den Striptease als Akt der Landesverteidigung rechtfertigt, vielleicht liegt es an so manch rührseligem Wort über England: Derartige Haltungen wirken schlichtweg unzeitgemäß, und deshalb kommt es zu zweierlei - man fragt sich permanent, warum das alles gerade jetzt sein muss und ob sich die englische Depression über die Irak-Misere nicht in anderer Form als derart verklausuliert Bahn brechen kann. Und wenn er zu Ende ist, reibt man sich verwundert die Augen, dass man einen Film vom leibhaftigen Stephen Frears gesehen hat.
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