Erstellt 29.06.06, 07:03h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Mr. Wales, die Redaktionen von Encyclopaedia Britannica und Brockhaus kritisieren, dass jedermann bei Wikipedia Einträge schreiben oder verfälschen kann, während sie selbst einen hohen Aufwand zur Faktenkontrolle betreiben.
JIMMY WALES: Das ist zwar ein nahe liegender Einwand, aber es gibt eine Studie des britischen Magazins „Nature“ von Dezember 2005, welche die Fehlerquote in Wissenschaftsbeiträgen in der Encyclopaedia Britannica (EB) und bei Wikipedia untersuchte. Die Forscher fanden bei Wikipedia durchschnittlich vier Fehler pro Beitrag, bei der EB aber ebenfalls drei Fehler. Wir spielen also durchaus in der gleichen Liga - das ist doch die eigentliche Überraschung. Fehler sind bei beiden Enzyklopädien nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Mehrfach haben Mitarbeiter von Politikern oder Unternehmensführern versucht, die Biografien ihrer Chefs bei Wikipedia zu beschönigen. Wie leicht ist das?
WALES: Das ist sehr schwierig und nicht von Dauer. Intelligenter gehen Unternehmen vor, die konstruktiv ihre Hilfe anbieten, um eine vermeintliche oder tatsächliche Schlagseite in der Diskussion zu beheben. In solchen Fällen nehmen wir die Reaktion des Kritisierten natürlich mit auf. Wirklich intelligente Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft verstehen ohnehin, dass nicht notwendigerweise alles, was über ihre Art, Politik oder ein Unternehmen zu betreiben, gesagt wird, ihrer eigenen Perspektive entspricht.
Der Vordenker der virtuellen Realität, Jaron Lanier, hat Wikipedia in einem vielbeachteten Essay „digitalen Maoismus“ vorgeworfen.
WALES: „Digitaler Maoismus“ klingt zwar gut, aber diesen Aspekt seines Essays habe ich wirklich nicht verstanden.
Lanier beklagt etwa, dass er im Wikipedia-Eintrag fälschlicherweise als Filmemacher bezeichnet wurde. Immer wenn er diesen Begriff strich, war er kurz darauf wieder da - für Lanier ein Zeichen, dass Wikipedia wie ein kommunistisches Kollektiv besser als das Individuum wissen will, was gut und richtig für das Individuum sei.
WALES: Aus unserer Perspektive ist es genau andersherum: Wir Wikipedianer sind Individuen, wir kennen und respektieren uns und wir bekennen uns auch zu unserer Verantwortung. Lanier wurde wiederholt als Filmemacher eingetragen, weil die Quellenlage dafür sprach - allein bei Google findet man Hunderte von Treffern für die Stichworte „Jaron Lanier“ und „filmmaker“. Wenn Lanier hinter einer anonymen IP-Adresse versteckt ohne jede Erklärung stets nur dieses eine Wort streicht, dann gehen wir von einem bösen Scherz aus und stellen die ursprüngliche Version wieder her - so funktioniert die soziale Kontrolle bei Wikipedia. Er hätte sich doch zu erkennen geben und eine Nachricht hinterlassen können: Der Eintrag wäre sofort geändert worden. In diesem Fall hat er sich also wie die anonyme Masse verhalten und sich dem menschlichen Dialog mit uns als Individuen verweigert. Natürlich sind Irrtümer bei Wikipedia bedauerlich, aber wenn man Fehler findet, muss man sich vergegenwärtigen, dass Individuen dafür verantwortlich sind, und dass man sie auch als solche behandeln sollte.
Wahrscheinlich glauben viele Menschen, dass da eine anonyme Mammutorganisation Millionen von Einträgen nach undurchsichtigen Kritierien erstellt und verwaltet.
WALES: Ja, das ist in der Tat ein großes Missverständnis. Wir sind kein unkontrolliertes Monster. Beim deutschsprachigen Wikipedia-Angebot etwa haben bis heute weniger als 500 Autoren mehr als die Hälfte von über 400 000 Einträgen verfasst. Zum engeren Kern, der mehr als 100 Beiträge monatlich schreibt oder ändert, zählen etwa 800 bis 900 deutschsprachige Autoren. Wikipedia ist also weit individueller als gemeinhin angenommen.
Trifft die Schwarm-Intelligenz-Theorie, bei der die Masse automatisch mehrheitlich die beste Entscheidung trifft, auf Wikipedia zu?
WALES: Da geistert vieles durch die Debatte, vom Pseudo-Darwinismus bis zur Weisheit der Masse. Wir definieren Wikipedia als eine Gesellschaft verantwortungsvoller Individuen. Wichtig sind soziale Regeln und Normen und ein respektvoller Umgang miteinander. Aber nur bis zu einem bestimmten Punkt: Wenn jemand mehr Ärger verursacht als er wert ist, sollte er aus der Gemeinschaft verbannt werden.
Dann ist für Sie der gemeine Internetnutzer ein guter Mensch?
WALES: Ja, dieses Weltbild ist unsere Grundlage. Wir haben in der Geschichte des Internets verschiedene Phasen durchlaufen und diese existieren nun teilweise parallel nebeneinander. Es gibt unmoderierte Diskussionsforen, wo Verrückte und Zornige verbal aufeinander losschlagen, und es gibt Foren, wo nur Banalitäten ausgetauscht werden. Das ist aber ein Zerrbild der Gesellschaft. Im realen Leben gehen wir doch trotz aller Regeln und Gesetze grundsätzlich vom Guten im Menschen aus. In Restaurants werden die Gäste an Tische gesetzt und nicht in Käfige gesperrt, weil sie vielleicht mit ihren Steakmessern aufeinander losgehen könnten. Warum also sollen wir Internetseiten wie Käfige konstruieren? Wir versuchen bei Wikipedia so viel wie möglich auf das Prinzip Offenheit zu setzen. Unsere Kontrollmechanismen basieren ausschließlich auf menschlicher Verständigung.
Die Suchmaschinen Google und Yahoo haben sich in China der Zensur unterworfen. Wikipedia ist dort gesperrt. Was ist das kleinere Übel?
WALES: Das Argument, es sei besser, in China überhaupt erreichbar zu sein, ist nicht so leicht von der Hand zu weisen. Wir hatten die gleiche Diskussion schon einmal, als sich manche Unternehmen mit dem Apartheid-Regime in Südafrika arrangierten. Ebenso sagen nun auch Google und Yahoo in China, dass sie vor Ort noch am ehesten die politischen Zustände verbessern könnten. Ich akzeptiere das als Argument, aber wir sollten überprüfen, ob Google und Yahoo in China wirklich ihren selbst propagierten Standards gerecht werden. Persönlich glaube ich, dass vor allem Google mit den Zugeständnissen in China einen großen Fehler gemacht und viel von seinem Markenwert verloren hat. Doch das ist leicht gesagt: Für uns ist ein Arrangement mit der Zensur schon allein technisch unmöglich, weil man unsere Inhalte nicht zentral steuern kann.
Was gefällt der chinesischen Regierung an Wikipedia nicht?
WALES: Wir wissen es nicht genau. Aufruf zum politischen Umsturz oder Propaganda - so lautet ja immer die Begründung, wenn Zeitungen oder Internetseiten geschlossen werden. Mich lässt hoffen, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der Wikipedia-Beiträge ohne Belang für die Regierung ist. Außerdem gibt es bereits ein Unternehmen in China, das Wikipedia-Inhalte kopiert und verbreitet. Das ist allerdings eine Einbahnstraße, chinesische Nutzer können nichts zu den Inhalten beitragen. Ich hoffe, dass die chinesische Regierung einsieht, dass sie mit der Aussperrung von Wikipedia die Chance vergibt, China mit all seinen kulturellen Facetten in der Welt darzustellen.
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