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Die alte Benn-Biografie neu montiert

Von ULRICH RÜDENAUER, 07.07.06, 07:03h

Das Marbacher Literaturmuseum zeigt in einer eindrucksvollen Ausstellung „Benns Doppelleben“.

Das Marbacher Literaturmuseum zeigt in einer eindrucksvollen Ausstellung „Benns Doppelleben“.

Gottfried Benn führte mehrere Leben. Das expressionistische Alter Ego der frühen Prosa nennt er Werff Rönne - „der Arzt, der keine Wirklichkeit mehr ertragen konnte, aber auch keine mehr erfassen“. Benn entlässt seine Ich-Abspaltung Rönne 1915 ins literarische Leben. Und auch das Todesjahr lässt sich genau angeben: „Assistenzarzt Dr. Werff Rönne XII 1942 bei Stalingrad.“ Das Datum des Ablebens findet sich auf einem Manuskript, das Benn in den Kriegswirren des Januars 1945 an seinen langjährigen Briefpartner Friedrich Wilhelm Oelze zur Aufbewahrung schickt: „Ausdruckswelt“ heißt die Essaysammlung, deren politische Auslassungen den Autor zweifelsohne ins Gefängnis bringen können. Deshalb schreibt er die Essays dem fiktiven Rönne zu. Benn selbst fungiert als Nachlassverwalter.

Der sandbraune Aktendeckel ist bei der ersten Wechselausstellung des Literaturmuseums der Moderne in Marbach zu besichtigen, eines von mehreren Exponaten, die uns Gottfried Benns Ich-Figurationen, seine Arbeitsweise und im Besonderen eines seiner irritierendsten Werke näher bringen sollen. „Benns Doppelleben oder Wie man sich selbst zusammensetzt“ heißt die von Jan Bürger kuratierte Schau, die ab heute, dem 50. Todestag des Dichters, zu sehen ist.

Die Autobiografie „Doppelleben“ trug nicht unwesentlich zu seinem „Combak“ nach 1945 bei. Benn, der zu Beginn der 30er Jahre schwer mit der Nazi-Ideologie liebäugelte und dann als Wehrmachts-arzt die, wie er es nannte, „aristokratische Form der Emigrierung“ wählte, veröffentlichte wieder. Und er wurde gelesen. Sogar gefeiert. 1951 erhielt er den Büchner-Preis. „Doppelleben“ erschien 1949 auf Anregung seines Verlegers Max Niedermayer. Mit diesem innerhalb von knapp einem Monat verfassten Buch knüpfte Benn an die autobiografische und höchst prekäre Schrift aus dem Jahr 1934 an: „Lebenswege eines Intellektualisten.“

Benn war die Vorstellung einer kontinuierlichen Biografie früh fremd geworden. Er schneidet, wie man in der Ausstellung schön nachvollziehen kann, die Seiten aus seiner alten Biografie heraus, montiert sie und sich neu zusammen. Das ist der Ausgangspunkt der Marbacher Benn-Erkundung. Die Entwürfe zum „Lebensweg“ zeigen, wie der Dichter die Texte collagiert.

Jan Bürger konnte dabei aus dem Nachlass Benns, der fast vollständig in Marbach lagert, schöpfen: Zu bestaunen sind beispielsweise seine Arbeitshefte, in denen sich Alltags- mit poetischen Skizzen mischen. So protokolliert Benn etwa akribisch, wann er sich die Haare schneiden lässt, und inmitten dieser profanen Notizen findet sich immer wieder der hohe Ton des Dichters. Die Ausstellung zeigt aber auch die Verstrickung des Dichters in das „Dilemma der Geschichte“. 60 neue Briefe an eine frühe Geliebte, Gertrud Zenzes, sind erst kürzlich aufgetaucht. Darunter auch ein Schreiben aus dem Jahr 1933, in das ein ansonsten von Benn nicht bekannter, antisemitischer Ton hineingerät.

„Doppelleben“ ist eine Form des Spiels mit verschiedenen Weltmodellen, ein Experimentieren sowohl in der Kunst als auch im wirklichen Leben. Die Ausstellung bietet einen Querschnitt durch die unterschiedlichen Nachlassmaterialien. Sie ist ein Versuch, dem gespaltenen Denker auf die Schliche zu kommen. Aber auch, dem Dichter gerecht zu werden.

„Benns Doppelleben“: Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar, 7. Juli bis 27. August.



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