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Ein Einsamer

Von WOLF SCHELLER, 07.07.06, 07:03h

Doppelleben: Vor 50 Jahren starb der Dichter und Arzt Gottfried Benn. Benn irritierte mit politischer Gleichgültigkeit und tiefem Zivilisationshass. Seine kurzzeitige Parteinahme für die Nazis wird ihm vorgeworfen.

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Der Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld/Westpriegnitz geboren. Er starb am 7. Juli 1956 in Berlin.
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Der Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld/Westpriegnitz geboren. Er starb am 7. Juli 1956 in Berlin.
Benn irritierte mit politischer Gleichgültigkeit und tiefem Zivilisationshass.

Bis nach dem Ersten Weltkrieg hat sich Gottfried Benn fast ausschließlich mit existenziellen und bewusstseinspsychologischen Themen beschäftigt. Mit der Hinfälligkeit des Körpers in den Morgue-Gedichten, mit der Suche nach einem Zusammenhang der Dinge im Rönne-Zyklus. Die Politik, Fragen des gesellschaftlichen Lebens interessierten ihn damals nur am Rande. Sein Weltbild sah anders aus. In seinem ersten Essay „Das moderne Ich“ schreibt er 1920: „Wunderbar, sage ich, wenn nicht nur Deutschland zusammengebrochen wäre, sondern dieser ganze Kontinent von Island bis zu den Balearen mit sämtlichen Röntgenröhren und Thermophoren seines blasenspülenden Säkulums.“

Der Dichter, der Nihilist, der Zyniker, der Liebhaber, der Tragiker, der Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten - inmitten des ganzen Trubels um ihn herum war er doch ein Einsamer, der sich gegen die Kategorie des Geschichtlichen verwahrte und jeden biografischen Zugriff auf sein Lebenstableau als Zumutung empfand. „Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Damit schirmte er sich ab, behauptete seinen Anspruch auf ein „Doppelleben“ - hier der Künstler, dort der Orpheus, der seine Geliebten und Ehefrauen als „Damenopfer“ benutzt.

Der Dichter und die Nazis

Gottfried Benn war neben Gerhard Hauptmann der einzige deutsche Dichter von Rang, der nicht emigrierte. Bis heute wird seine anfängliche, aber nur kurzlebige Parteinahme für die Nazis als kapitaler Fall des Schuldigwerdens eines Intellektuellen gegeißelt. Benn hat versucht, die Ereignisse von 1933 als „expressionistische Wendung unserer Kulturgeschichte“ zu verstehen. Seine Kritiker verbreiteten die These, dass ein Gefühl sozialer Unterlegenheit Benn anfällig für den Nationalsozialismus gemacht habe. Dem widerspricht freilich, dass seine Herkunft aus dem Selliner Pfarrhaus ihm ein stabiles Wertverständnis vermittelt hat.

Dass ausgerechnet der introvertierte Benn wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller nach 1945 ins Zentrum heftiger Kontroversen geriet, hatte vor allem mit dem problematischen Verhältnis zwischen Literatur und Politik zu tun. Dieser extrem apolitische Schriftsteller hasste die Mechanismen der modernen Zivilisation mit ihrem positivistischen Fortschrittsglauben und ihren kleinbürgerlichen Wertvorstellungen. „Der Mitmensch, der Mittelmensch, das kleine Format, das Stehaufmännchen des Behagens, der Barrabasschreier, der bon und propre leben will, auf den Mittagstisch die vergnügten Säue, die sterbenden Fechter ins Hospital, der große Kunde des Utilitaristen: eines Zeitalters Maß und Ziel.“

Klaus Mann schrieb ihm am 9. Mai 1933 aus dem französischen Exil: „Sie sollen wissen, dass Sie für mich - und einige andere - zu den sehr wenigen gehören, die wir keinesfalls an die »andere Seite« verlieren möchten. Wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält, wird für heute und immer nicht mehr zu uns gehören.“ Benn antwortete auf diese persönliche Schrift am 24. Mai über den Rundfunk und wandte sich direkt „an die literarischen Emigranten“. Er wies darauf hin, dass er nicht zur NSDAP gehöre, auch „keine Beziehungen zu ihren Führern“ habe. Aber - und da wurde er deutlich: „Ich erkläre mich ganz persönlich für den neuen Staat, weil es mein Volk ist, das sich hier seinen Weg bahnt. Wer wäre ich, mich auszuschließen, weiß ich denn etwas Besseres - nein! (. . .) Und ich muss es für diesen Staat hinnehmen, wenn Sie mir von Ihrer Küste aus zurufen: Leben Sie wohl!“ Den Emigranten galt Benns Erklärung als Bekenntnis zum Nationalsozialismus.

In seinen Texten freilich findet man nichts, was irgendetwas gemein haben könnte mit der NS-Ideologie. Im Oktober 1933 veröffentlicht der Balladendichter Börries von Münchhausen einen neun Seiten langen Artikel, betitelt „Die Neue Dichtung“. Darin apostrophiert er die Expressionisten als „Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher“ mit Gottfried Benn an der Spitze, der einzige Dichter, der namentlich genannt wird. Die Nazis hatten ihn nur für kurze Zeit als einen der Ihren angesehen, dann aber schnell erkannt, dass sie mit dem eigenwilligen Schriftsteller nichts anfangen konnten. Benn verteidigte sich mit dem Essay „Expressionismus“, aber sein gesamtes Werk stand bereits auf der schwarzen Liste. Seine Hitlerzeit ist nach zwanzig Monaten dauernder „Irrnis“ zu Ende.

Mit den Nazis hatte Benn nichts mehr zu schaffen. Anfang 1935 tritt er als Oberstabsarzt in die Wehrmacht ein. Seinem langjährigen Gesprächspartner Friedrich Wilhelm Oelze schreibt er: „Sie machen sich nicht klar, wie völlig isoliert ich bin, ohne jede Beziehung geistiger Art zu meiner Umwelt. Meine Umwelt ist zz. nicht in diesem Land.“ In den folgenden Jahren der „inneren Emigration“ schrieb er einige seiner wichtigsten Werke: den „Roman des Phänotyp“ und die „Statischen Gedichte“.

Publizieren durfte Benn aber erst wieder 1949, obwohl der ihm von den Alliierten vorgelegte „Fragebogen“ in Ordnung war. Aber er galt als unerwünscht. Als er sich dann 1949 wieder zu Wort melden durfte, lief dies wiederum gegen sämtliche Normierungen politischer Korrektheit: „Das Abendland geht nämlich meiner Meinung nach gar nicht zugrunde an den totalitären Systemen oder an den SS-Verbrechen, auch nicht an seiner materiellen Verarmung oder an den Gottwalds und Molotows, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Begriffen.“

Da war es wieder - Benns politische Indifferenz und sein abgrundtiefer Zivilisationshass. Aber Oelze sah schärfer hin: „Er (Benn) besaß den gefährlichen Mut, die Selbstgefälligkeit zu entlarven, mit der wir uns über die Untaten der jeweiligen Bösewichter empören, während wir uns weigern, mit unseren Illusionen über die eigenen Tugenden aufzuräumen. Er sprach aus, was geeignet ist, das Wohlwollen zu stören, mit dem wir uns selbst betrachten.“



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