Von CHRISTIAN OEYNHAUSEN UND STEFAN SAUER, 09.07.06, 21:15h
Auf der Westseite des Brandenburger Tores ist irgendetwas zwischen Woodstock und Wiedervereinigung im Gange. Ganz sicher hat Berlin seit dem November 1989 keine Party erlebt, die alle Bevölkerungsschichten so versammelt hat, wie die Hommage an Klinsmann und das Team. Die Menschen sind gekommen, um die „Weltmeister der Herzen“ zu verabschieden. Sie sind aus dem ganzen Land angereist, um schwitzend auf eine Videowand zu starren. Sie wollen einfach dabei sein und das Ende einer vier Wochen langen Party miterleben.
Der Termin ist wohl organisiert, so wie die ganze WM. Die Sache mit dem Zettel, ein Transparent der Mannschaft („Ihr seid Fan-Weltmeister“) - alles vorbereitet. Die einzige spontane Aktion sind zwei Strophen „Marmor, Stein und Eisen bricht“, gegrölt von Lukas Podolski, David Odonkor und Gerald Asamoah. Die Stimmung ist heiter und euphorisch. Es ist heiß und eng, aber nicht chaotisch. Die Leute schreien, tanzen und singen, und sie folgen den Anweisungen des Ordnungspersonals. Denn erstens sind sie ja immer noch Deutsche und zweitens nicht Weltmeister geworden.
Das nehmen sie sich für das nächste Mal vor. Die Lieder dieser WM sind ja zum Teil schon umgedichtet worden auf die WM 2010. Auch Xavier Naidoo singt in Berlin von der Zukunft dieser Elf, in seinem typischen Prediger-Ton, der auf so vieles passt. „Dieser Weg wird kein leichter sein / dieser Weg wird steinig sein.“ Naidoo singt der Menge eine Gänsehaut auf den Rücken, und es ist ein Rätsel, warum nicht auch der Asphalt Pickel kriegt.
Und dann ist es so weit. Berlin bebt, Klinsmann kommt. Alle Spieler werden bejubelt. Die Zuneigung zu Klinsmann aber brüllt, als hätte sie ein metaphysisches Eigenleben entwickelt: „Klinsi, du musst bleiben.“ Fahnenmeer, frenetischer Jubel, unbeschreibliche Begeisterung - das alles sind Floskeln im Vergleich zur Wirklichkeit.
Der Abschied ist eine große wechselseitige Danksagung. Die Fans tragen Schilder wie „Danke“, und „Ihr habt etwas bewegt“. Klinsmann sagt: „Tausend, tausend, tausend Dank.“ Die Fußball-Delegation trägt T-Shirts, auf denen vorne „Danke“ steht und auf dem Rücken „82 Mio.“ Das ist nicht etwa eine Prämie für Platz drei, sondern die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik. Oder, um es mit Lukas Podolski zu sagen: „Das ist 'ne Zahl, die einfach beeindruckend ist, darum haben wir sie auf dem Rücken.“ Alle sind eins und man kann sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder Alltag wird.
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