Von MARCUS BÄCKER, 15.07.06, 07:09h
„Der neue Sommer“ - mit diesem Slogan bewirbt der WDR eine Kampagne, wie es sie so noch nie gegeben haben dürfte. Gleich zwölf neue Formate stellt der öffentlich-rechtliche Sender seinen Zuschauern in einer Jahreszeit vor, in der eigentlich vor allem Wiederholungen laufen. „Für heute - Danke“ mit Olli Briesch, dem Mann hinterm Pult, ist eine davon. Der satirische Tagesrückblick, der versuchsweise viermal auf Sendung ging, war vielleicht nicht von der ersten bis zur letzten Minute rasend komisch, hatte aber ausgesprochen lichte Momente. Und er wirkte so frisch, dass sich die Macher von WDR-Sendungen wie „Klingendes NRW“ vorkommen müssen, als tobe um sie herum eine Kulturrevolution.
Von einer Revolution will Ulrich Deppendorf, Programmdirektor des WDR-Fernsehens, allerdings nichts wissen. Lieber spricht er von einer „konzertierten Aktion“, die im vergangenen Jahr ihren Anfang nahm. Mit der Tatsache konfrontiert, dass es das WDR-Publikum mittlerweile auf einen Altersdurchschnitt von stolzen 61 Jahren bringt, erkannten man in der Kölner Senderzentrale Handlungsbedarf. Eine Arbeitsgruppe wurde eingerichtet, und Deppendorf bat alle Mitarbeiter, diese mit Ideen für neue Formate zu unterstützen. Es kamen nicht weniger als 250 Vorschläge. Zwölf von ihnen schafften es in den neuen Sommer. Und der soll nun dafür sorgen, dass auch Leute diesseits der 50 auf den WDR aufmerksam werden.
Ganz schön viel Aufwand, keine Frage. Da verwundert es, dass vorher nicht kleinere Schritte ausprobiert wurden. So ärgern sich nicht wenige Zuschauer darüber, dass der „Rockpalast“ tief in der Nacht gezeigt wird, obwohl die Zielgruppe dieser Sendung jung genug ist, um am nächsten Morgen zur Arbeit gehen zu müssen. „Musik ist im Fernsehen quer durch alle Altersgruppen etwas schwerer zu vermitteln, als man es bislang angenommen hat“, nennt Deppendorf die Beweggründe des WDR.
Nicht nur Musiksendungen sucht man unter den zwölf neuen Formaten vergeblich, generell spielt Kultur in der Sommer-Offensive keine Rolle. „Wir haben ja schon unser Magazin »west.art« verjüngt, und das zahlt sich ganz langsam aus“, sieht Deppendorf in diesem Bereich keinen Handlungsbedarf. Dafür startete der neue WDR-Sommer gleich mit zwei Service-Themen. In „Der große Finanz-Check“ greift ein Finanz-Coach verschuldeten Familien unter die Arme, derweil bei „Schön, schöner, Ich“ ein Mode-Berater zur Tat schreitet. Beides kennt man von den privaten Sendern. Nichts als Nachmache?
Das sieht Deppendorf nicht ganz überraschend völlig anders. „Wir hatten ja schon unglaublich viele Ratgeber- und Service-Sendungen, lange bevor die kommerziellen überhaupt auf die Idee gekommen sind“, sieht er das Copyright eher beim WDR. Den meisten Zuschauern scheint es sowieso ziemlich egal zu sein, ob eine Sendung nun der Gipfelpunkt der Originalität ist oder so ähnlich schon einmal lief: Sowohl „Der große Finanz-Check“ als auch „Schön, schöner, Ich“ erreichten so viele jüngere Zuschauer, dass Deppendorf sich nach der ersten Woche als „durchaus zufrieden“ bezeichnet. Gespannt sei er nun auf die weiteren Formate, darunter zwei Spätausgaben des subtil komischen Magazins „Wissen macht Ah“ und „Richtig leben?!“, eine Sendung, in der Gewissenspapst Rainer Erlinger mit Prominenten diskutiert, wie man sich in beispielhaften Fällen moralisch korrekt verhalten sollte.
Welche der neuen Sommer-Sendungen es ins reguläre Programm des WDR schaffen, steht auch noch in den Sternen. „Sicherlich nicht alle zwölf, das geht gar nicht, aber ein, zwei Formate könnte ich mir im nächsten Jahr schon vorstellen“, sagt Deppendorf. Entscheidend sei, dass die Sendung in der angestrebten Zielgruppe „signifikant“ zulege. „Und natürlich müssen wir auch auf die Finanzen schauen. Auch die etablierten WDR-Sendungen sollen sich mehr und mehr auch jüngeren Zuschauern zuwenden - „ohne dass wir die älteren verlieren“, wie Deppendorf betont. „Wir werden sicherlich nicht das gesamte WDR-Fernsehen von A bis Z umkrempeln.“ Der WDR soll halt nur ein wenig jünger werden - und das nicht nur zur Sommerzeit
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