Von MARKUS GÜNTHER, 24.12.06, 07:35h
Washington - Samstagmittag in Washington, zwei Väter mit ihren Söhnen auf dem Weg zur Mülldeponie, wo man heute zum Tag der offenen Tür einlädt. Sean, Mitte 30, Jurist im US-Justizministerium, dreht sich nach hinten um und fragt seinen Sohn: „Hey, Finnian, kannst du lesen, was da rechts auf dem Schild steht?“ Finnian sieht sich das Schild genau an, er braucht etwa zwei oder drei Sekunden, dann sagt er: „Recycling“ Die Antwort ist richtig. „Good job!“ sagt der stolze Daddy.
Finnian ist drei Jahre alt, und er kann lesen. Nicht ganz ohne Probleme, sicher, aber vielleicht etwa so wie ein normaler Schüler am Ende der ersten oder zweiten Klasse. Sein gleichaltriger Spielkamerad neben ihm nuckelt dagegen noch verträumt an der Teeflasche und kann nicht einmal zuverlässig bis fünf zählen. Finnian ist kein seltenes „Wunderkind“ - ein beliebtes deutsches Fremdwort im amerikanischen Englisch -, sondern liegt durchaus im Trend. In der „Upper Middle Class“, also in Familien mit gut verdienenden, akademisch gebildeten Eltern, ist es fast schon normal geworden, dass man den Kindern lange vor Schulbeginn das Lesen beibringt. Elterlicher Ehrgeiz vermischt sich in den USA immer häufiger mit der Angst, das Kind nicht früh genug für die komplizierte moderne Welt trainiert zu haben. Der besessene Wunsch, einen akademischen Überflieger zu kreieren, und die aggressive Werbung für didaktische Hilfsmaterialien tun ein Übriges.
Die Idee, zum Tag der offenen Tür der Mülldeponie zu fahren, hatte nicht etwa der Vater, sondern Finnian selbst. „Er hat die Ankündigung im Internet gefunden“, erzählt Sean lässig. Im Internet? Ja, eine Stunde pro Tag, so Sean, darf Finnian im Netz surfen: Die Kinderseite des Fernsehsenders PBS ist seine Startseite im Web.
Ist das noch normal? Wo bleibt da die unbeschwerte Kindheit? Oder ist es umgekehrt: Wurden früher die kostbarsten Jahre mit albernen Spielchen vertan, statt dem Kind die wichtigsten Kulturtechniken so früh wie möglich beizubringen? Gestritten wird über diese Fragen auch in den USA, doch es ist längst klar, wie die Debatte endet und wohin die Entwicklung geht: Von Kindern wird künftig viel früher viel mehr verlangt.
„Mit dem ganzen Baby-Kram von früher muss Schluss sein“, sagt Andre Hornsby, Kindergarten- und Schuldezernent im Landkreis
Prince George nördlich von Washington. Spätestens mit vier Jahren, so Hornsby, sollen die Kinder in den Kindergärten ein ganztägiges und systematisches Lernprogramm beginnen. Den bislang in dieser Altersklasse üblichen Mittagsschlaf hat er kurzerhand abgeschafft. Wichtiger sind ihm die Lernziele, die zweimal im Jahr in Tests überprüft werden. Wenn die Kinder fünf Jahre alt sind und in die Vorschule wechseln, sollen sie mindestens einige Wörter schreiben können, außerdem gute Lesefähigkeiten haben und kürzere Texte auswendig lernen können.
Das stramme Programm, das der Dezernent den Kindern verordnet hat, wird von den meisten Eltern begrüßt. Seit Mitte der neunziger Jahre erlebt die Frühförderung von Kindern in den USA einen Boom, der sich immer noch weiter beschleunigt. Auslöser waren vor allem neue Studien, die gezeigt haben, was Kinder schon im Vorschulalter lernen können, wenn man sie systematisch trainiert. Der Vorsprung, den diese Kinder in der Schule gegenüber denen haben, die einen traditionellen Kindergarten durchlaufen, ist enorm. „Die ersten Jahre sind unglaublich kostbar“, sagt Eric Smith, Schuldezernent in einem benachbarten Landkreis, „wenn man die nicht richtig nutzt, kommen die Kinder schlecht vorbereitet in die Schule und sind schon mit sechs oder sieben Jahren so frustriert, dass sie nie mehr gute Schüler werden.“
Die so verunsicherten Eltern in den USA versuchen heute alles, um ihrem Kind so früh wie möglich auf die Sprünge zu helfen. Bis zum Kindergartenalter muss man damit nicht warten. Didaktische Videos wie die „Baby Einstein“-Serie von Disney versprechen schon wertvolle Lernfortschritte für Kinder, die noch nicht einmal laufen können. Mit sechs Monaten sitzen viele Babys schon täglich vor dem Fernseher und werden mit Bildern aus der Welt der Astronomie und Klängen von Mozart und Bach berieselt, die ihrem kleinen Hirn angeblich frühe Entwicklungssprünge ermöglichen. 42 Prozent aller Kinder unter zwei Jahren sehen in den USA täglich ein didaktisches Video.
Im Bundesstaat Georgia bekommen die Mütter gleich nach der Entbindung auf Staatskosten eine DVD mit einem Lernprogramm geschenkt. Ob das alles wirklich nützlich und richtig ist, wissen auch die meisten Eltern nicht so genau. „Aber wenn es alle machen, macht man es natürlich auch. Man will ja nicht schuld daran sein, dass das eigene Kind vielleicht zurückbleibt“, sagt Alma Schneider, die ihrer Tochter „Baby Einstein“ vorgespielt hat, als sie gerade sechs Wochen alt war.
In amerikanischen Eltern-Zeitschriften diskutieren Fachleute und Laien auch schon heftig darüber, ob das kindliche Gehirn die entscheidenden Impulse nicht sogar vor der Geburt bekommt. Klassische Musik könne schon in den letzten Schwangerschaftsmonaten das Gehirn des Babys stimulieren und später zu einem höheren Intelligenzquotienten führen, behaupten einige Psychologen und Neurologen. Andere machen sich inzwischen eher Sorgen, das Kind im Mutterleib könne Schaden nehmen, zumal sich unter den vom so genannten „Mozart-Effekt“ besessenen Eltern die Praxis etabliert hat, das Baby mit einem Kopfhörer auf dem Bauch der schwangeren Frau möglichst direkt und möglichst laut zu beschallen: „Viele Eltern übertreiben es“, sagt die Psychologin Jante DiPietro in Baltimore, „mit der ständigen Beschallung stören sie den Schlafrhythmus des Kindes, und der ist vermutlich für die Entwicklung des Gehirns wichtiger.“
„Das windelfreie Kind“
Dem Ehrgeiz und der Fantasie sind dennoch keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Kinder zu Höchstleistungen anzuspornen. Der neuste Trend ist eine Methode, die es ermöglichen soll, auf Windeln praktisch von Geburt an zu verzichten. Stattdessen soll das Kind vom ersten Tag an lernen, die Toilette zu benutzen und sich bei dem entsprechenden Bedürfnis per Zeichensprache bemerkbar zu machen. Bei erfolgreichem Training, so verspricht es die Initiative „Das windelfreie Kind“, könne das Kind mit etwa vier bis sechs Monaten zuverlässig „trocken“ sein, auch nachts. Das Ratgeberbuch, das die neue Trainingsmethode erklärt, ist ein Bestseller.
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