Schriftgröße

Dass nicht alle im Kessel verrückt werden

Erstellt 01.08.06, 07:01h

Peter Sloterdijk erzählt über die blutige Perspektive für den Islam und das israelische Dilemma. Mit dem in Karlsruhe lehrenden Philosophen sprach Michael Hesse.

Sloterdijk
Bild vergrößern
Peter Sloterdijk in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.
Sloterdijk
Bild verkleinern
Peter Sloterdijk in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Sloterdijk, stehen wir bereits mitten im „Kampf der Kulturen“, den der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington zu Beginn der 90er erstmals prophezeite?

PETER SLOTERDIJK: In oberflächlicher Sicht scheint Huntington Recht zu haben, weil man fürs Erste tatsächlich eine Front zwischen der islamischen und der christlichen Welt wahrzunehmen glaubt. Sieht man sich aber die tiefere Struktur der Konflikte an, wird deutlich, dass es nicht die Kulturen sind, die gegeneinander in Stellung gehen. Vielmehr sind es demographisch explosive Gesellschaften und demographisch beruhigte Gesellschaften, die in Reibung miteinander treten. Ich bin davon überzeugt, dass ein Buch des deutschen Genozidforschers Gunnar Heinsohn zur Pflichtlektüre von Politikern und Feuilletonisten gemacht werden sollte: „Söhne und Weltmacht.“ Darin wird der Zusammenhang zwischen Menschenproduktion und Gewaltpolitik durchleuchtet. Es darf in keiner Diskussion mehr fehlen, weil die aktuellen Konflikte nur im Licht dieser Analysen transparent werden.

Welche Rolle spielt hierbei der „politische Islam“?

SLOTERDIJK: Der Islam im Allgemeinen ist wie jede Tradition eine kulturelle Reserve, in die die aktuellen und lokalen Interessen greifen können. Man muss zunächst davon ausgehen, dass der herkömmliche Islam keine politische Religion ist, weil es in der islamischen oder arabischen Welt keine Politik im westlichen Sinne gegeben hat. Von der Tradition einer Selbstregierung der Polis durch Parteien weiß man im traditionellen Islam wenig. Er besitzt nur mit Monarchien Erfahrung, nicht mit Bürgergesellschaften. Strukturell ist er eine Religion, die auf der Ebene der Steppe oder der Imperien funktioniert - aber nicht auf der Ebene der Stadtkultur. Die einzige Episode der islamischen Religion, in der der Islam selber schöpferisch und tolerant war, ist im arabischen Mittelalter zu sehen - bezeichnenderweise einer Ära islamischer Stadtkultur. Damit verglichen macht der heutige radikalisierte politische Islam eine schlechte Figur.

Lehrt nicht das türkische Beispiel etwas anderes, nämlich dass der politische Islam Teil des demokratischen Systems werden kann, ohne dass eine Katastrophe passiert?

SLOTERDIJK: Man könnte den politischen Islam türkischen oder indonesischen Stils durchaus mit dem politischen Katholizismus im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts vergleichen. Damals sollten die so genannten ultramontanen Parteien, später das Zentrum, noch später die Unionsparteien oder die Democrazia Christiana die Interessen des Vatikans in der säkularen Welt vertreten. Diese parteifähigen Formen des politischen Katholizismus sind inzwischen einer starken Entropie unterlegen: Jedes Kind weiß heute, dass das Prädikat „christlich“ im Namen der Unionsparteien nur noch ein ideologisches Gurgelwasser ist. Ob Vergleichbares mit einem parlamentarischen liberalen Islam geschähe, ist noch nicht absehbar.

Wartet ein islamisches Jahrhundert auf uns?

SLOTERDIJK: Das behaupten zumindest jene, die das enorme demographische Wachstum der islamischen Staaten im Auge haben. Ich meine hingegen, dies hieße Religion und Biomasse verwechseln. Die Bevölkerungszahl allein kann nicht für kulturelles Gewicht stehen. Eher könnte man ein asiatisches oder chinesisches Jahrhundert prognostizieren. Die herrschende Weltform ist pluripolar und technologisch, ob es den Islamisten nun passt oder nicht.

Im Koran, so erklären Sie, fänden sich Stellen, die höchst eindeutig seien angesichts des Terrorismus. Wie ist es mit den anderen „heiligen Texten“ wie der Bibel?

SLOTERDIJK: Heilige Schriften sind immer synkretistisch und enthalten nebeneinander Grobes und Subtiles. Die Frage ist aber, ob das Kollektiv, das diese Texte benutzt, eine Radikalisierungstendenz in sich trägt oder nicht. Wir im Westen haben zur- zeit kein vitales Interesse mehr an den Feindpsalmen und anderen Hasszeilen der Bibel, wo vieles nicht gerade milde und kosmopolitisch ausgedrückt wird. Wenn hingegen ein Kollektiv endogen, also von innen heraus unter Spannung steht, wie es bei den islamischen Jungmännerbewegungen der Fall ist, dann wird das semantische Material der Tradition politisch und ideologisch scharf gemacht. Man muss sehr deutlich sagen, dass die Spannungen, die wir in der islamischen Welt erleben, zunächst überhaupt keine religiösen Gründe haben. Das Problem geht vor allem von den zornigen jungen Männern aus, die sich gegen ihre soziale, ökonomische und erotische Aussichtslosigkeit auflehnen.

Der Westen wird nicht nur von Moslems der Doppelmoral bezichtigt. Für Geschäfte und Interessen, heißt es, ignoriere er seine hohen Werte.

SLOTERDIJK: Dass der Westen denunzierbare Fehler begeht, steht auf einem anderen Blatt, und dass der Unterschied zwischen Idealen und Interessen auffällt, ist völlig normal. Aber die Glaubwürdigkeit eines so großen zivilisatorischen Projekts hängt nicht nur von solchen Diskrepanzen ab, sondern von der Stimmigkeit der Grundgedanken. Die von dem englischen Philosophen John Locke unterstrichenen Grundrechte auf Leben, Freiheit und Privateigentum wirken langfristig aus sich heraus, werben für sich selbst. Wir müssen uns auf die Ansteckung des besseren Beispiels verlassen.

In der Debatte über einen drohenden Kulturkampf zwischen Islam und westlicher Welt haben Sie dem deutschen Feuilleton „exzessive Panikbereitschaft“ vorgehalten. Nun entwerfen Sie das Szenario eines gefährlichen Zulaufs einer rächerischen Ideologie, der des radikalen Islamismus.

SLOTERDIJK: Es gibt keinen Weg an der Beunruhigung vorbei. Die Menschen, die in den nächsten 20 Jahren als Träger von gewaltsamen Unruhen in Frage kommen, sind alle schon geboren. Deren Dasein kann nicht ungeschehen gemacht werden, es sei denn durch die Gewalt, die aus ihrer eigenen Frustration fließt.

Was kann der Westen tun?

SLOTERDIJK: Der Westen muss auf der Linie einer vernünftigen Unterwanderung der orientalischen Patriarchate tätig werden. Der Schlüssel der Entspannung liegt in der demographischen Struktur der überjugendlichen Gesellschaften. Nur wenn die Geburtenraten abflachen, verschwinden die Aggressionen der Überflüssigen und damit die kriegerischen Gelüste.

Ist es nicht ein Gegensatz, dass es nur sehr wenige Konflikte in der Region zwischen islamisch geprägten Ländern gibt? Der Zahl nach nur zwei: den Krieg Irak gegen Iran und der Überfall des Irak auf Kuwait, ausgelöst durch den säkularen Herrscher Saddam Hussein.

SLOTERDIJK: Die demographischen Überspannungen in der Region fragen nicht nach historischen Präzedenzfällen. Sobald die Jungmännerüberschüsse da sind, werden die kriegsauslösenden Faktoren hinzukonstruiert, mag es auch eine lokale Friedenstradition gegeben haben. Im Moment spricht alles dafür, dass es im Haus des Islam selbst sehr blutige Auseinandersetzungen geben wird, die schiitisch-sunnistische Front hat sich schon klar formiert.

Auch für Israel fürchten Sie noch mehr Attacken von außen.

SLOTERDIJK: Israel ist eine Nation, die begonnen hat, den Zustand des Krieges mehr denn je zu verinnerlichen. Die Israelis erleben den Ausnahmezustand als Dauerzustand. Das macht die Entscheidungen eines solchen Landes zunehmend moralisch inkommensurabel.

Diese sind dann unvergleichbar?

SLOTERDIJK: Was immer getan wird, es wird dilemmatisch. Im Dilemma kann man nur zwischen Fehlern wählen.

Diese Ausweglosigkeit kennzeichnet auch den aktuellen Konflikt?

SLOTERDIJK: Man muss darauf gefasst sein, dass die israelische Festung sich immer weiter in sich selber vergräbt. Die größte Leistung Israels wird dann wohl darin bestehen, dass nicht alle im Kessel verrückt werden.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste