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Es ist nur eine Show - aber was für eine!

Von MARTIN OEHLEN, 23.07.06, 13:35h, aktualisiert 28.07.06, 11:33h

Sie können es immer noch wie kaum eine andere Band: Die Stones legten in Köln eine Show hin, die vom ersten bis zum letzten Song auf Intensität setzte - von „Jumping Jack Flash“ bis zu „Satisfaction“.

Mick Jagger (l) und Keith Richards von den Rolling
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Die «Bigger Bang»-Tour der Rolling Stones ist sehr erfolgreich.
Mick Jagger (l) und Keith Richards von den Rolling
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Die «Bigger Bang»-Tour der Rolling Stones ist sehr erfolgreich.
Keith Richards tritt vorneweg hinaus auf die Bühne und geht festen Schrittes bis an die Rampe. Das ist die erste und fürwahr nicht die einzige gute Nachricht, die vom Kölner Auftritt der Rolling Stones zu vermelden ist. Dem Mann im blauen Hemd folgen Ron Wood in Grün, Charlie Watts in Gelb und Mick Jagger in Rot - die Band ist komplett, es kann losgehen! Heilandsakra!

Denn das war so selbstverständlich nicht nach all den Krankenstandsmeldungen über einzelne Bandmitglieder. Dabei schoss Keith Richards die Kokosnuss ab, nachdem er im April auf Fidschi von einer Palme gefallen war und sich eine Kopfverletzung zugezogen hatte. Es war dann erstmals nichts mit der Fortsetzung der aktuellen „A Bigger Bang“-Welttournee. Wer den Schaden hat, weiß ja, wie es um den Spott steht: Eine Plastikpalme, die im Kölner Publikum herumgereicht wurde, war schon vor Konzertbeginn der Lacher.

IHRE KURZKRITIK zu den Stones

Und das letzte Mal, als wir Mick Jagger in einem Stadion gesehen haben, konnte einem auch Sorge machen. Da verfolgte der Fußballfan sehr fahlen Angesichts in Gelsenkirchen den Untergang der Engländer bei der Weltmeisterschaft. Doch nun im Kölner Stadion war der Mann, der morgen 63 Jahre alt wird, mit einer Fitness gesegnet, vor der man - wenn das Bild erlaubt ist - die Turnschuhe ziehen muss. Sein finaler Sprint von der Bühne bis zum Anstoßkreis und zurück hatte sicher nicht mehr das Tempo früherer Tourneen. Aber nach dem Laufprogramm der vorangegangenen zwei Stunden kann man nur sagen: Respekt! Mick Jagger, der Narziss mit Schmollmund, predigt sich und uns die ewige Jugend. Und wer träumte da nicht gerne mit?

In Köln waren es 38 000 Zuschauer, die das knuffige Stadion nicht vollends füllten, aber doch eine animierte Atmosphäre schufen. Kann sein, dass das Stones-Management sich verkalkuliert hatte, als es die regulären Eintrittspreise bis an die 200-Euro-Grenze vorgeschoben hat. Ganz zu schweigen von den Bühnentickets, die für 450 Euro im Handel waren. Eine Bühne wie ein Insekt - mit silbernen Flügeln und zwei Fühlern, an denen allerlei Lichtwerk hing. Dort standen die „Edel-Fans“ dann auf den Balkonen links und rechts vom Geschehen - und blickten aus luftiger Höhe auf die Hinterköpfe der Band und in die freudigen Mienen des Publikums.

Ja, Freude vor allem. Denn die Stones legten eine Show hin, die vom ersten bis zum letzten Song auf Intensität setzte - von „Jumping Jack Flash“ bis zu „Satisfaction“. Historiker werden es bemerkt haben: Geschichte wiederholt sich manchmal doch. Denn genau diese beiden Songs bildeten schon beim letzten Kölner Auftritt, 1999 zum Finale der „Bridges to Babylon“-Tour, die Klammer.

Was jetzt zwischendrin zu erleben war, hatte man erwartet, aber doch nicht in einer so herzerfrischenden Darbietung. Die Mischung aus den Klassikern und den Songs der aktuellen Platte wurde prachtvoll instrumentiert. Da schlägt Charlie Watts den vielleicht zuverlässigsten Beat auf Erden und ist Ron Wood für viele helle Gitarrenmomente gut (wie auch für jede Menge Clownerien). Und wenn man einmal den Eindruck hatte, dass es Riff-Guru Richards etwas ruhiger angehen ließ, dann war da doch die Gewissheit, dass die Sound-Maschine von den neun Mitstreitern bestens geschmiert wurde. So von Chuck Leavell an den Keyboards und Darryl Jones am Bass. Und nicht zu vergessen Sängerin Lisa Fisher, die in einem Abendkleid von sündigstem Rot den Ray-Charles-Blues „Night Time Is The Right Time“ in die Nacht schmetterte, dass es ein emotionales Beben war.

Der Master dieser Show aber heißt Mick Jagger - und der ist teuflisch gut beim höllisch heißen „Sympathy For The Devil“. Er legt sich stimmstark ins Zeug und schmeißt sich ran ans Publikum. Dass er des Deutschen mächtig ist, war ja bekannt, aber dass er sich auch noch dem kölschen Dialekt zuwenden würde, war doch verblüffend: „Ich hoffe“, sagte er vor „Let's Spend The Night Together“, dem vierten Song des Abends, „ihr habt eine joote Zick!“ Auch die regionalen Verhältnisse sind ihm bekannt. Als er später beim wunderbaren „You Can't Always Get What You Want“ den Publikums-Chor anfeuerte, geschah dies mit der Aufforderung: „All the way down to Düsseldorf!“

FOTOLINE: Stones on Tour

Die „Rolling Stones“ wollen immer nur das eine: die größte Rock-'n'- Roll-Show der Gegenwart! Und wie sieht es mit dem Prädikat anno 2006 aus? Das können sie haben, aber gerne! Da gibt es auf Erden keinen spektakuläreren, schöneren, professionelleren, aufwändigeren, vollmundigeren und lustigeren Sommer-Rockabend. Es ist nur eine Show und nichts als eine Show - aber was für eine!

Die verlagert die Band für drei Songs vom tiefen Süden in den hohen Norden des Stadions. Aus der Hauptbühne heraus treibt, wie schon in früheren Jahren gesehen, eine Minibühne hervor und fährt mitten durchs Publikum. Nur kommt sie diesmal erst kurz vor dem gegnerischen Strafraum zum Halt. Sogleich wird ein T-Shirt aufs schmale Rechteck geworfen. Jagger fängt es, „Rough Justice“ anstimmend, im Fluge ab und wirft den Stoff mit voller Leibeskraft zurück: Geschenke werden keine genommen - hier wird gegeben!

Kurz vor 23 Uhr ist es dann Keith Richards, der das Licht ausmacht. Er verlässt als Letzter die Bühne, nachdem er Jagger freundlich den Vortritt gelassen hatte. Richards schaut sich noch einmal um zur Jubelschar, zwinkert und tritt lächelnd ab. Draußen vor dem Stadiontor rollen unmittelbar darauf, noch verlangt die Menge nach weiteren Zugaben, die Minibusse mit den Bandmitgliedern vor. Ron Wood hat den Kopf ans Fenster gelehnt, schaut starr in die Nacht und knabbert an seinen Fingernägeln. Der Fahrer drückt aufs Gaspedal. Die Herren wollen weiter. Immer weiter. Vielleicht sogar noch zu einer weiteren Tournee.



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