Von JAN W. BRÜGELMANN, 02.08.06, 07:00h
Warum wurden in den Tagen vor den Angriffen auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington ungewöhnlich viele Börsenwetten daraufhin abgeschlossen, dass die Aktienkurse von American Airlines kurzfristig sinken werden? War es nur ein Zufall, dass knapp eine Woche vor den Einschlägen der beiden Boeing-Maschinen die Zwillingstürme für eine Milliardensumme versichert wurden, wobei die Police auch Terroranschläge mitversicherte? Und vor allem: Wenn man sich die Fassade des Pentagons nach dem angeblichen Einschlag des American-Airlines-Fluges 77 anschaut, dann liegt es doch auf der Hand, dass das Loch darin unmöglich von einem Jet mit einer Spannweite von mehr als 30 Metern gerissen worden sein kann. Ist nicht doch eine Rakete dort eingeschlagen? Hat etwa die amerikanische Regierung die Bevölkerung über die wahren Hintergründe der Tragödie belogen?
Diese Fragen und noch mehr werden in einer Dokumentation der Vorgänge rund um den 11. September 2001 gestellt, die seit Ende Mai im Internet für Furore sorgt. Mehr als zehn Millionen Mal wurde der knapp eine Stunde und 24 Minuten lange Film bei Google aufgerufen, die Homepage von www.loosechange911.com wird täglich von 20 000 Surfern angeklickt, 50 000 DVD's wurden verkauft.
Zwei Jungs aus Oneonta
Die enorme Resonanz beweist: Einige offene Fragen rund um 9 / 11, wie die Amerikaner diesen Tag nennen, und die selbst der offizielle Untersuchungsbericht des US-Kongresses nicht schlüssig beantworten kann, verschaffen vor allem Verschwörungstheoretikern und ihren kruden Thesen großen Zulauf. 42 Prozent der Amerikaner glauben jüngsten Umfragen zufolge, dass die Untersuchungskommission wichtiges Beweismaterial unterschlagen hat. Vor allem bei den unter 30-Jährigen ist der Anteil derer besonders hoch, die glauben, dass US-Politiker vorgewarnt waren.
Dylan Avery ist erst 22 Jahre alt und lebt in der 13 000-Seelen-Stadt Oneonta (US-Staat New York). Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Freund Korey Rowe hat er die Dokumentation aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammengestellt. 6000 Dollar haben die beiden in die Recherche investiert. Für die Macher von „Loose Change“ - gemeint ist der angeblich „allmähliche Wandel“ in der Wahrnehmung der 9 / 11-Terroranschläge in der Öffentlichkeit - ist klar, wer die Drahtzieher waren. Die eigene Regierung hatte demnach endlich freie Hand, ihre eigentlichen Ziele mit der Unterstützung der verunsicherten Wähler umzusetzen: die Vertreibung der Taliban in Afghanistan und vor allem der Sturz Saddam Husseins und die Besetzung des Irak.
Um diese abenteuerlichen Spekulationen ist im Internet eine lebhafte Diskussion entstanden. Hart geht screwloosechange.blogspot.com mit den Thesen ins Gericht. In mindestens 37 Fällen hätten die jungen Männer aus Oneonta Behauptungen aufgestellt, die längst widerlegt seien - so auch die Mär von der Rakete im Pentagon. Und sie hätten aus Agentur- und TV-Berichten zitiert, die später als falsch bezeichnet wurden, weil die Fakten im Chaos nach den Attacken nicht ausreichend überprüft werden konnten.
Die Internet-Redaktion der Fachzeitschrift „Popular Mechanics“ hat in monatelanger Kleinarbeit das Dossier „9 / 11: Debunking The Myths“ zusammengetragen und widerlegt unter anderem die immer wieder aufgestellte Behauptung, brennendes Kerosin alleine habe die „Twin Towers“ nicht einstürzen lassen können. „Gesunde Skepsis ist wichtig, aber in vielen Fällen hat sie sich in eine ungesunde Paranoia verwandelt“, bilanziert Chefredakteur Jim Meigs knapp.
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