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Ein knorriger Baum in der Filmlandschaft

Von FRANK OLBERT, 05.08.06, 07:03h

John Huston, der dem Kino viele Klassiker schenkte, wurde vor 100 Jahren geboren. Ein Leben voller Geschichten. Zu diesen gehört, dass Charlie Chaplin ihm den Weg zum Film gezeigt hat. Privat galt er als Raufbold und Frauenheld.

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John Huston wurde am 5. August 1906 geboren.
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John Huston wurde am 5. August 1906 geboren.
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Ein Boot wird kommen: Humphrey Bogart und Katherine Hepburn in "African Queen".
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Ein Leben voller Geschichten. Zu diesen gehört, dass Charlie Chaplin ihm den Weg zum Film gezeigt hat.

Man erzählt sich die Geschichte von einer Keilerei zwischen John Huston und Errol Flynn 1944 während einer Party von David O. Selznick. Die beiden sollen so heftig aufeinander eingedroschen haben, dass Huston mit gebrochener Nase, Flynn mit zwei gebrochenen Rippen ins Krankenhaus musste. Folgender Kommentar ist von Ersterem überliefert: „Der Kampf hat mir viel Spaß gemacht, hoffentlich können wir das bald mal wiederholen.“

Raufbold und Frauenheld

Ob die Geschichte stimmt - wer weiß? In jedem Fall passt sie bestens ins handelsübliche Bild von John Huston, der vor 100 Jahren in Nevada geboren wurde und im August 1987 starb. Ein Raufbold und Frauenheld, ein notorischer Spieler und Herausforderer der in die Sicherheit verliebten Hollywood-Bosse, so sieht man den Regisseur und Schauspieler gerne. Hustons Leben: ein Abenteuerfilm.

Aber es gibt auch den anderen John Huston. Den Mann, den man am Ende seines Lebens sah, wie er vom Rollstuhl aus und an ein Beatmungsgerät angeschlossen die Szenerie zu seiner Verfilmung von James Joyce' „Die Toten“ („The Dead“) dirigierte. Die Lektüre von Joyce' „Ulysses“ hatte den jungen Mann einst am Beginn seiner Karriere zum Schreiben gebracht - mit der Verfilmung der „Toten“ lieferte Huston im Alter von 80 Jahren sein Vermächtnis ab, das unendlich sanfte Erbe eines Künstlers, der selbst an der Schwelle zwischen den Lebenden und dem Totenreich stand. Dieser John Huston blickte die Welt nicht aus kampfeslustigen, sondern aus milden, altersweisen Augen an.

Liest man seine Filmografie, so ist es fast nicht zu glauben, mit wie vielen Meilensteinen der Kinogeschichte diese aufwarten kann. Schon das Regiedebüt spricht für sich: „Der Malteser Falke“ mit Humphrey Bogart, ein Film, mit dem Hollywood mit einem Mal hart, düster und sarkastisch wurde. „Der Schatz der Sierra Madre“, „The Misfits“ mit Marilyn Monroe und Clark Gable, „African Queen“ mit Bogart und Katharine Hepburn, später „Prizzi's Honor“ mit Kathleen Turner, Jack Nicholson und Hustons Tochter Anjelica, die für ihre Darstellung einen Oscar gewann - samt und sonders Werke aus dem mehr als 60 Filme umfassenden Kosmos des Regisseurs, der in seiner Jugend Furore als Leichtgewicht-Boxer in Kalifornien machte und durch ein pittoreskes Initiationserlebnis zum Film fand.

Huston war elf Jahre alt, als er krank in einem Hotelbett in Los Angeles lag. Das Telefon klingelte, seine Mutter nahm den Anruf entgegen und teilte ihrem Sohn anschließend mit: „Das war Charlie Chaplin! Er hat gehört, dass im Hotel ein krankes Kind ist, und jetzt kommt er dich besuchen.“ Und nicht allein das. Chaplin gab dem Jungen eine Privatvorstellung und Unterweisung in schauspielerischen Tricks. Auch diese Episode in Hustons Leben könnte aus einem Film stammen.

Ebenso wie das Klischee vom trinkfesten Raubein verführt sie indes dazu, in seiner Biografie nur eine Abfolge romantischer, hochfliegender, adrenalinhaltiger Erregungsmomente zu sehen - als hätte dieses Künstlerleben keine Tiefe und Zweifel gekannt. Doch muss man sich nur seine Filme anschauen, um eines Besseren belehrt zu werden. All die gescheiterten, gebrochenen, verzweifelten Helden, an denen die erledigten Träume hängen wie verblichene Kleider - so wie der britische Konsul in einem mexikanischen Nest in Hustons Lowry-Verfilmung von „Unter dem Vulkan“. Huston hat diesen Film inszeniert wie einen dämonischen mexikanischen Maskentanz.

Der Regisseur hat zahlreiche seiner Filme nach literarischen Vorlagen realisiert, immer darum bemüht, dem Geist des Originals filmisch gerecht zu werden - das ist vermutlich der Hauptgrund, warum sich an Hustons Ruvre kein einheitlicher Stil, keine zwingende Handschrift wie bei John Ford oder Howard Hawks ablesen lässt. So seltsam sich das für einen Filmregisseur anhören mag: Huston war ein Literat des Kinos, er hat seine Bilder buchstabiert.

Diese Haltung setzte er energisch durch, auch gegenüber den Produzenten - für die Verfilmung von „The Dead“ und das Kassengift Joyce hätte sich fast kein Studio gefunden, hätte der Regisseur nicht im hohen Alter und todkrank letztlich doch genug Überzeugungskraft aufgebracht. Katharine Hepburns Urteil über Huston galt bis zuletzt: „Er hatte ein kolossales Ego.“

Mit der Hepburn und Bogart schlug sich der Regisseur für „African Queen“ 1952 durch die Wildnis. Bogart und er tranken Unmengen von Schnaps, während sich die anderen an fauligem Mineralwasser einen Magen-Darm-Infekt holten. Solche Dreharbeiten fern von Hollywood liebte Huston, und ebenso die Drehpausen: Eines Tages tauchte er am Set von „African Queen“ einfach nicht auf, weil er auf Safari gegangen war.

Noah gibt Gesetze vor

In Roman Polanskis „China Town“ spielte Huston, der seine stärksten Auftritte als Schauspieler stets unter fremden Regisseuren hatte, den Noah - wahrhaft ein dunkler, alttestamentarischer Charakter, ein Mann, der sich nicht nach dem Gesetz richtet, sondern es vorgibt. Auch im Alter war Huston eine imposante Erscheinung, mit gegerbtem Gesicht und blitzenden Augen. Er wirkte wie ein knorriger Baum inmitten der amerikanischen Filmlandschaft, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr dem langweiligen Ebenmaß verpflichtet hatte. Ein Solitär, wie es sie wenige gibt. Deshalb ist John Huston auch bald 20 Jahre nach seinem Tod unvergessen.



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