Von CHRISTOPH HOFFMANN, 08.08.06, 10:46h, aktualisiert 08.08.06, 10:50h
„Ich knie nieder, dass du das hier geschaffen hast“, schreibt eine Studentin an Ehssan Dariani, „danke, danke, danke, Suchtfaktor riiiesig!“ „Das hier“ ist eine Studentenplattform im Internet, und Ehssan Dariani (26) ist einer der drei Betreiber der Seite. Das „Studiverzeichnis“ vereint Studenten von mehr als 600 Hochschulen weltweit, die meisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auf einer Internetplattform. Unter www.studivz.net können sie zum Beispiel nachschauen, ob der nette Typ aus dem „Heinrich Heine“-Seminar angemeldet ist und ob er sich vielleicht auch für Indie-Rock interessiert.
Seit der Gründung im Oktober 2005 haben sich 320 000 Studenten registriert. Zurzeit ist jeder zehnte Student in Deutschland, Österreich und der Schweiz angemeldet. Täglich kommen zwischen 6000 und 8000 neue Benutzer hinzu. Überwältigende Zahlen für eine Seite, die erst seit wenigen Monaten im Internet steht.
Zwei der drei Gründer, Ehssan Dariani und Dennis Bemmann (28) sind selbst noch Studenten, Michael Brehm (26) ist ein ehemaliger Kommilitone. Mit solch einem Erfolg hatten sie nicht gerechnet: „Das hat uns total überrascht“, sagt der StudiVZ-Sprecher Tilo Bonow. „Im Juli wurden wir regelrecht von den Neuanmeldungen überrannt.“ Zurzeit verstärken die Macher die Kapazität der Internetserver, denn aufgrund der hohen Nutzerzahlen ist die Seite quälend langsam geworden. Außerdem haben sie ein hohes Ziel: „Wir peilen klar die Zwei-Millionen-Marke an“, sagt Bonow.
Anika Dewald, Theaterwissenschafts-Studentin an der Kölner Universität, ist seit Ende Juli angemeldet. „Weil mir ungefähr zehn Freunde gesagt haben, ich soll auch endlich mitmachen“, sagt die 22-Jährige. Bei Melanie Zimmermann (22) war es ähnlich, und Stefan Weyler hat durch das Studiverzeichnis sogar einen alten Freund wiedergefunden: „Er hat früher bei mir gegenübergewohnt, ist dann aber nach Amerika gezogen, und ich habe ihn nicht mehr gesehen“, sagt der 22-Jährige. Zehn Jahre hatten die beiden keinen Kontakt, im StudiVZ erhielt er auf einmal eine E-Mail seines Freundes, der dort auch angemeldet war - seitdem haben sie wieder Kontakt.
Ausgangspunkt im Internet ist für jeden Studenten seine persönliche Seite, die er frei gestalten kann. Pflicht ist lediglich, seinen Namen einzugeben; beinahe alle wählen ihren richtigen Namen und keine Pseudonyme, wie auf den übrigen Internet-Kontaktbörsen üblich. Hintergrund des ehrlichen Profils: die Hochschulen sollen weniger anonym werden. Besonders an einer großen Hochschule mit vollen Hörsälen wie in Köln sei es oft schwierig, mit anderen in Kontakt zu kommen, sagt Melanie: „Manchmal möchte ich einfach wissen, wer mit mir das Seminar belegt hat.“ Ideal ist die Plattform auch, um Lerngruppen zu bilden, findet sie.
Natürlich dient StudiVZ nicht nur der sachlichen Information über Klausuren und Lerntreffen der Philosophiegruppe. Melanie hat öfter schon „deutliche Anmachen“ bekommen. Nicht verwunderlich, da viele sehr offen mit persönlichen Daten, inklusive Fotos, umgehen. Auf vielen Profilen finden sich, für jeden Angemeldeten zugänglich, Handynummern und E-Mail-Adressen; manche geben sogar ihre ge samte Adresse an, samt Zimmernummer im Wohnheim. „Die Leute fühlen sich unter sich“, erklärt Sprecher Bonow dieses Phänomen. Da gebe es nicht so viele Vorbehalte, weil man ja wisse, „dass die anderen auch Studenten sind“. Mit Exhibitionismus habe das aber nichts zu tun. Das Internet sei für viele ein „zweites Wohnzimmer“ geworden, in dem ein „hohes Maß an Vertrautheit“ gelte.
Man kann Stunden vor der Seite verbringen, sein Profil einrichten und Bilder in Fotoalben hochladen - auch da gilt wieder: Privatsphäre ist eine Definition, die jeder mit sich selbst ausmacht: Studentin Melanie würde zum Beispiel „niemals Bikinifotos“ hochladen; auf vielen Profilen finden sich jedoch genau diese, samt bierseliger Porträts der letzten Studentenparty.
Besonders beliebt ist die Online-Funktion „gruscheln“, ein selbsterschaffenes Kunstwort, das man nicht eindeutig erklären kann. Es soll eine „Mischung aus grüßen und kuscheln“ sein, findet Anika, weiß es aber auch nicht genau. Stefans Freunde nennen es manchmal scherzhaft „grabschen und kuscheln“. Wenn man auf den Button „Anika gruscheln“ drückt, bekommt sie eine Nachricht („Hallo Anika, du wurdest gegruschelt!“). Mehr passiert nicht. Eben eine kleine unaufdringliche Andeutung, ein „Hallo, ich habe an dich gedacht“, oder „Du gefällst mir“ - vergleichbar mit einem Augenzwinkern.
Richtig viel los ist in den mehr als 28 000 Themengruppen, in denen sich Studenten mit gleichem Interesse zusammenschließen: Das geht vom gleichen Wohnort über die Gruppe „Mathe-Freaks“, es gibt 321 Mitglieder im „Tolkien-Kreis“ und mehrere Dirty-Dancing-Fangruppen. Anika glaubt, dass sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen wird: „Man sucht sich ja immer Leute, mit denen man etwas gemeinsam hat.“ Als Nächstes möchte sie eine Theatergruppe gründen, aber „Aushänge werden in der Uni ja immer so schnell abgehangen“. Deshalb möchte sie jetzt gezielt Studenten aus dem Studiverzeichnis anschreiben, die etwas mit Theater zu tun haben. Von allen Kölner Hochschulen sind derzeit 10 600 Studenten angemeldet. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sie dort schon bald fündig wird.
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