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„Der Hals der Giraffe”: Ein Roadmovie

Von ALEXANDRA WACH, 17.08.06, 11:05h

Selten hing der Zauber eines Films so sehr an dem willens-starken Kindergesicht seiner Heldin (Louisa Pili). Die 9-Jährige will in dem Debut von Safy Nebbou "Der Hals der Giraffe" alles wissen über die alten Zeiten.

Schweigen und Verdrängen gibt es reichlich in ihrer Familie und dazu das Phantom der Großmutter, die von Biarritz aus drei Jahrzehnte lang vergeblich den Kontakt zu Ehemann und Tochter zu halten versuchte. Mathilde entdeckt die ungeöffnete Korrespondenz in ihrer Matratze, reißt in der Nacht aus und „entführt“ kurzerhand den Opa aus dem Pariser Altersheim, wo dieser nach einem Schlaganfall dahinvegetiert.

Erst jetzt erfährt sie, dass sich der Großvater als junger Mann für den Seitensprung seiner Frau bitter rächte, indem er ihr die gemeinsame Tochter entzog. Nach dem erzwungenen Geständnis nutzt der Senior sogleich die Gelegenheit, der Erstarrung seines Lebens zu entkommen. Während seine solidarischen Mitbewohner der Heimleitung eine Komödie vorspielen, macht er sich gemeinsam mit der Enkelin auf an die verregnete Atlantikküste: auf der Suche nach der verlorenen Zeit, den alten Verletzungen und gekränkten Eitelkeiten.

Nicht selten beginnen die ergreifendsten Geschichten mit einer Lüge. Davon kann auch Mathildes von der Vergangenheit traumatisierte Mutter ein Lied singen. Sandrinne Bonnaire spielt sie mit gewohnter Schmerzensstrenge, die effektvoll mit dem weichen Leuchten ihrer Filmtochter kontrastiert. Als sie den Ausreißern folgt und die Wahrheit über ihre Herkunft entdeckt, bricht das Lügengebäude, in dem sie aufgewachsen ist, schlagartig zusammen.

Das Debüt von Safy Nebbou, der in Bayonne im Baskenland als Sohn einer deutschen Mutter und eines Algeriers geboren wurde, ist ein dezentes, überaus präzises Roadmovie. Eine stille Geschichte über Bindungen und was von ihnen bleibt, wenn Enttäuschung, Schuld und Schmerz zu viel Raum einnehmen.

Nebbou erzählt von der Leichtigkeit des Seins, die es immer wieder neu zu erkämpfen gilt, und streift ganz nebenbei die Themen Alter und Tod, ohne das Wesentliche seiner Familienzusammenführung aus den Augen zu verlieren. Selten hat man eine zersprengte Sippe so ergreifend zusammenwachsen sehen.

Im Verbund mit den majestätischen Panoramen der baskischen Landschaft besticht der Film durch die Zartheit, mit der er das Innere seiner traurigen Helden nach außen kehrt und ihnen, dank der ihrer kindlichen Intuition vertrauenden Mathilde, leichtfüßig einen Weg aus der Einsamkeit weist.



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