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So viel Gewalt war noch nie

Von MALTE KNUTH, 18.08.06, 07:00h

Die Lage im Irak gerät zunehmend außer Kontrolle. Die Zahl der täglichen Angriffe auf US-Soldaten hat sich seit Januar verdoppelt. Bei der US-Armee wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation.

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Auf einem Markt im schiitisch dominierten Stadtteil Sadr City in Bagdad explodierte am Donnerstag eine Autobombe.
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Auf einem Markt im schiitisch dominierten Stadtteil Sadr City in Bagdad explodierte am Donnerstag eine Autobombe.
Die Zahl der täglichen Angriffe auf US-Soldaten hat sich seit Januar verdoppelt.

Bei der US-Armee wächst aufgrund schockierender Zahlen die Sorge vor der eskalierenden Gewalt im Irak. Wie die „New York Times“ am Donnerstag in ihrer Internet-Ausgabe berichtete, hat sich neben dem drastischen Anstieg der religiös motivierten Bombenanschläge seit Januar 2006 auch die Anzahl der täglichen Angriffe auf Konvois der amerikanischen und irakische Armee verdoppelt. Insbesondere die Anwendung von Sprengfallen am Straßenrand, bei dem zumeist abgestellte Fahrzeuge per Fernzündung zur Explosion gebracht werden, tragen maßgeblich zum jüngsten Anstieg der Opfer bei.

Im Juli dieses Jahres sind nach Angaben des US-Militärs 1666 Sprengsätze entlang der Straßen explodiert. Weitere 959 Bomben wurden gefunden, bevor sie detonieren konnten. Im Januar 2006 waren es noch 1545 Bomben, die entweder hochgingen oder entschärft wurden.

„Die Angriffe sind auf jeden Fall schlimmer geworden, sie haben ein historisches Hoch erreicht“, zitiert die „New York Times“ einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Pentagon. „Die Aufständischen verfügen über mehr öffentlichen Rückhalt und eine wachsende Zahl von Aktivisten, die zu jeder Zeit und an jedem Ort mehr Gewalt einsetzen als jemals zuvor.“ Dafür spricht auch, dass US-Kommandeure im Irak in den vergangenen Wochen mehr als 3000 Soldaten aus den Provinzen nach Bagdad verlegt haben, um die eskalierende Gewalt in der Hauptstadt in den Griff zu kriegen.

Für Debatten sorgt in den USA derzeit ein neun Seiten langer Bericht des Militär-Geheimdienstes, der sowohl jede Menge Daten über Anschläge und Gewaltdelikte als auch Diagramme über die unterschiedlichen militanten Gruppierungen beinhaltet, die im Irak täglich die Bomben zünden. Die Inhalte des Dokuments, das auf eine sich verschlechternde Sicherheitslage und die zunehmende Gefahr eines irakischen Bürgerkrieges verweist, beschäftigt Militärkreise des Pentagon genauso wie die Parlamentarier im Kongress. Dort wächst die Sorge vor allem deshalb, weil der Irak nach den Parlamentswahlen in diesem Frühjahr zwar Fortschritte in Richtung Demokratie gemacht hat, die Gewalt im Land aber ungebremst zunimmt.

Stärker gepanzert

Die steigende Zahl der Anschläge hat zwar weniger US-Soldaten getötet, aber die Zahl der Verwundeten steigen lassen. Das liegt vor allem am Einsatz des neuen Truppentransporters „Stryker“, der im Unterschied zu seinem Vorgängermodell „Humvee“ stärker gepanzert ist. Während im Januar 42 Soldaten und Marines ums Leben kam, waren es im Juli 38, hingegen wurden im Januar 287 und im Juli 518 Verwundete gezählt. Seit Beginn des Irak-Feldzugs im März 2003 sind mehr als 2900 Angehörige der US-Streitkräfte im Irak gefallen.

Das neue Gutachten des US-Militärs macht deutlich, dass die Gewalt im Irak auf einem absoluten Höchststand ist. Und es skizziert die doppelte Gefahr, die derzeit den Irak täglich in Atem hält: Gewalt von Aufständischen gegen amerikanische und irakische Sicherheitskräfte vor allem im sunnitischen Dreieck nördlich der Hauptstadt, die seit der Ermordung von El-Kaida-Führers Sarkawi am 7. Juli weiter zugenommen haben sowie die Gefahr der sich ebenfalls häufenden Gewalttaten mit religiösem Hintergrund. Dabei bekriegen sich vor allem sunnitische und schiitische Milizen und verüben Bombenattentate in Stadtteilen die mehrheitlich von Zivilisten der einen oder anderen Glaubensrichtung bewohnt werden. In den vergangenen zwei Monaten sind im Schnitt mehr als 100 irakische Zivilisten am Tag getötet wurden.

Das Weiße Haus in Washington dementierte derweil Berichte, nach denen der Irak kurz vor einem Bürgerkrieg steht, und behauptet mit unerschütterlicher Zuversicht, dass die amerikanische Strategie vor Ort Bestand hat. Der Sprecher von Präsident Bush wies Medienberichte zurück, wonach die Regierung eingesehen habe, dass die Gewalteindämmung der irakischen Regierung fehl- geschlagen sei. Anders als behauptet, zweifle Bush auch nicht an der Führungsstärke des irakischen Ministerpräsidenten Maliki.

Offener Bürgerkrieg?

Dabei ist die Lage höchst kompliziert. Vor allem die zunehmende Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten bekommen die US-Soldaten nicht in den Griff. Jeder Angriff der sunnitischen Minderheit beschert den schiitischen Milizen neuen Zulauf. Dies wiederum verstärkt die Ängste auf sunnitischer Seite, die sich wiederum in Gewalt entlädt. Die Planer im Pentagon und die Kommandeure vor Ort seien derzeit fast ausschließlich damit beschäftigt, den Ausbruch eines offenen Bürgerkriegs zu verhindern, berichtet die „New York Times“.



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