Schriftgröße

Die netten Terroristen von nebenan

Von Franz Sommerfeld, 21.08.06, 06:45h

Nun werden die „netten Jungs von nebenan“, wie sie in Großbritannien genannt werden, auch in Deutschland aktiv. Nachbarn schildern den verhafteten Bombenleger von Köln überrascht als freundlich, unauffällig und fromm. Wie hatten sie ihn sich denn vorgestellt?

Nun werden die „netten Jungs von nebenan“, wie sie in Großbritannien genannt werden, auch in Deutschland aktiv. Nachbarn schildern den verhafteten Bombenleger von Köln überrascht als freundlich, unauffällig und fromm. Wie hatten sie ihn sich denn vorgestellt?

Erst langsam bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass weltweit eine Art islamistischer Basisbewegung entstanden ist, aus der heraus Terroristen selbstständig aktiv werden. Ein Drittel der muslimischen Jugendlichen Großbritanniens träumt von einer islamischen Republik anstelle der demokratischen Ordnung und begrüßt die Londoner Anschläge des letzten Sommers. Fünfzig Prozent halten den 11. September 2001 für das Werk einer amerikanisch-israelischen Verschwörung. Hier zeigt sich im Übrigen, dass das Internet nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis der Wirklichkeit führen muss, sondern ebenso den absurdesten Verschwörungstheorien eine unverdiente Autorität und scheinbare Authentizität verschafft. Das Internet scheint auch eines der Verständigungsmedien untereinander zu sein. Hier trifft der organisierte Terrorismus mit den Basisinitiativen zusammen.

Deutschland unterscheidet sich von Großbritannien oder Frankreich dadurch, dass unter den Zuwanderern die Türken dominieren. Türkische Radikale orientieren sich aber eher an den nationalistischen Traditionen ihres Herkunftslandes. Trotzdem ist das Potenzial islamistischer Anhänger so groß, dass ein technisch besser vorbereiteter Anschlag auch hierzulande gelingen kann. Insoweit sind die Warnungen von Innenminister Wolfgang Schäuble ernst zu nehmen. Die Hoffnung, Deutschland werde aufgrund seiner Ablehnung des Irak-Krieges außen vor bleiben, war immer eine Illusion.

Manchen mag der Hass der Bombenleger erschrecken. Doch neu ist er nicht. Wohl zu allen Zeiten gab es junge Männer, die sich nach einem heiligen oder reinen Leben sehnten, nach einfachen Erklärungsmustern für eine unübersichtliche Welt, nach klaren Feindbildern. Diese „Jungs“ sind bereit, im frühen Alter alles zu geben, auch ihr Leben. Dass dies der europäischen Kultur nicht fremd ist, zeigt das Beispiel der Grass-Generation: Viele aus ihr suchten den Krieg und nicht wenige den Tod. Und unterscheidet sich die Erbarmungslosigkeit, mit der Terroristen Zivilisten in den Tod bomben, wesentlich von der Kriegsführung der Waffen-SS?

Die islamistische Bewegung richtet sich gegen die Moderne, gegen die als dekadent empfundene westliche Art zu leben. Sie ist eine rückwärtsgewandte globale Gegenbewegung. Diskriminierung und Unterdrückung stärken sie, sind aber nicht die Ursache für ihr Entstehen.

Der islamistische Terror zwingt die westlichen Gesellschaften, sich dessen zu vergewissern, was ihnen verteidigenswert erscheint: Freiheit, Freizügigkeit, Rechtsstaatlichkeit, der Anspruch auf gleiche Rechte für die Frau . . .

Wie sind die „netten Jungs von nebenan“ dafür zu gewinnen? Die Abwehr des Terrorismus kann sich nicht auf die notwendigen polizeilichen und militärischen Maßnahmen, auf Videoüberwachung und Terroristendateien beschränken. Der Kampf um die Köpfe und Herzen gehört dazu. Er hat noch nicht einmal begonnen.

franz.sommerfeld@ksta.de



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste