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Wer adoptiert, ist ein Held besonderer Art

Von FLORIAN HASSEL, 21.08.06, 07:01h

In russischen Heimen leben dem Gesundheitsministerium zufolge 772 000 Kinder - mit rasant steigender Tendenz. Viele von ihnen sind krank. Ausländische Paare bezahlen oft hohe Summen für ein gesundes Kind.

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Kinder in einem Heim im ostsibirischen Nowosibirsk.
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Kinder in einem Heim im ostsibirischen Nowosibirsk.
Ausländische Paare bezahlen oft hohe Summen für ein gesundes Kind.

Moskau - Für Sergej Apatenko, Abteilungsleiter im russischen Bildungsministerium, gibt es eine besondere Kategorie von Helden. Ein Russe, der bereit sei, ein Kind zu adoptieren, sei „ein Held, den unsere Jugendämter auf Händen tragen müssten“ - so der Beamte, dessen Haus zusammen mit dem Gesundheitsministerium die Oberaufsicht über Russlands Waisen hat. In der Tat hat Russland heldenhafte Eltern bitter nötig. In staatlichen Heimen leben dem Gesundheitsministerium zufolge 772 000 Kinder - mit rasant steigender Tendenz. Dazu kommen Hunderttausende Straßenkinder.

Russlands Vize-Generalstaatsanwalt Sergej Fridinskij schätzt die Zahl der Kinder, die in Russland ohne elterliche Aufsicht heranwachsen, auf mindestens zwei Millionen. Nur ein Bruchteil von ihnen wird jedes Jahr adoptiert. 2005 nahmen Russen laut der Regierungszeitung „Rossiskaja Gaseta“ gerade 7500 Waisen als Kinder an. Ausländer nahmen nochmals 6900 russische Kinder zu sich. Jetzt trugen sich Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frau Doris mit der Adoption eines angeblich kleinen Jungen aus Sankt Petersburg in die Statistik ein. Die Tageszeitung „Kommersant“ zitierte Mitarbeiter eines Petersburger Kinderheims, eine Adoption „auf so hoher Ebene“ sei offensichtlich lange vorbereitet und für die Familie Schröder-Köpf sei „wahrscheinlich ein hundertprozentig normales“ Kind ausgesucht worden.

Das ist in Russland eher die Ausnahme denn die Regel. Dass dem kremlnahen Meinungsforschungsinstitut WZIOM zufolge gerade vier Prozent der Russen überlegten, ein fremdes Kind aufzunehmen, liege nicht nur daran, dass Adoptionen in Russland ein soziales Stigma anhafte, wie bis vor wenigen Jahrzehnten auch in Deutschland. Die überwältigende Mehrheit russischer Waisenkinder - dem Parlamentarier Oleg Smolin zufolge mehr als neun Zehntel - komme aus „sozial ungünstigen Familien“: vor allem aus Alkoholiker-Familien, denen das Sorgerecht entzogen worden sei. Zehn-, möglicherweise Hunderttausende dieser Kinder litten am Fötalen Alkohol-Syndrom: Wachstumsschwächen und Gehirnschäden, die im besten Fall zur Lernbehinderung, im schwersten zu einem völligen Fehlen von Verantwortungsbewusstsein führen könnten.

Russlands Vize-Generalstaatsanwalt Wladimir Kolesnikow gab im russischen Parlament zu, dass Ausländer 20 000 bis 80 000 Dollar bezahlten, um ein gesundes russisches Kind adoptieren zu dürfen. Der Löwenanteil gehe als Bestechungsgeld an korrupte Beamte in Kinderheimen, Jugendämtern und Richter, die die Adoption formell erlauben müssten. Im vergangenen Jahrzehnt nahmen Ausländer über 45 000 russische Kinder bei sich auf - allen voran US-Amerikaner. Die Schlagzeilen in Russland bestimmen freilich weniger die geglückten Adoptionen als vielmehr die 13 Fälle, in denen adoptierte Kinder in den USA von Adoptiveltern getötet wurden. Dass in Russland selbst in den letzten fünf Jahren allein in bekannt gewordenen Fällen 1080 Kinder von ihren leiblichen Eltern umgebracht wurden, geht in der zunehmend nationalistisch-populistischen Diskussion unter. Ab Anfang 2007 sollen Adoptionen durch Ausländer in Russland nochmals deutlich erschwert werden.



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