Von KERSTIN MEIER, 29.08.06, 09:55h
Jedes Semester passiert es wieder: Deutschlands Mütter entlassen ihren verwöhnten Nachwuchs ins Abenteuer Studentenleben. In Seminaren schlaue Reden schwingen, demonstrativ philosophische Fachliteratur spazierentragen und schlafen bis mittags. So weit alles kein Problem. Aber was, wenn der Magen knurrt ,und die Mensa hat zu? Wenn das letzte Hemd in der Wäsche landet? Wenn Mutti nicht mehr sofort zur Stelle ist? Plötzlich werfen Salzkartoffeln existenziellere Fragen auf als Jean Paul Sartre. Vorher schälen oder nachher? Wie viel Salz? Woher weiß ich, wann sie fertig sind? Bernhard Finkbeiner war völlig aufgeschmissen, als er zum ersten Mal mit diesem Rätsel des Alltags konfrontiert wurde. Mit seinem Kumpel war er bei Aldi, Kartoffeln kaufen. Aber was nun? Er rief Mutti an und die wusste Rat. „Als sie sich verabschiedete, sagte sie »Ja, ja, www.fragmutti.de«“ , erzählt der 23-Jährige, der in Ulm Medieninformatik studiert. Während er mit seinem Freund Hans-Jörg Brekle Kartoffeln kochte, überlegten die beiden, warum es so eine Internetseite eigentlich noch nicht gibt. So entstand im Herbst 2003 ihre Webseite, die inzwischen 20 000 Menschen pro Tag besuchen. Die allerersten Tipps stammen tatsächlich von Finkbeiners und Brekles Müttern. Inzwischen ist die Webseite aber ein Selbstläufer. Viele Besucher haben eigene Geheimrezepte, die nicht länger geheim bleiben sollen. Und so wächst das Angebot ständig weiter. Täglich kommen fünf bis zehn neue Tipps hinzu - von absoluten Anfängerfehlern (keine roten Socken in die weiße Wäsche) bis zu gewagten Projekten (Fisch in der Spülmaschine kochen).
Jetzt haben die beiden Studenten die Weisheiten der Webseite mit einer Rahmengeschichte versehen und als Buch veröffentlicht. „Frag Mutti“, heißt es natürlich, und Bernhard Finkenbeiner hat das erste druckfrische Exemplar selbstverständlich seiner Mutter vermacht. Und die kann von ihrem Sohn inzwischen einiges lernen. Die Sache mit dem Fisch zum Beispiel: „Irgendjemand hat den Tipp mal eingeschickt, und es klappt wirklich super“, versichert Finkbeiner. „Durch den Dampf herrscht ein ideales Klima, man muss den Fisch nur gut in Alufolie einwickeln und vorher würzen.“ Schmeckt der Fisch dann nicht nach Geschirrspülmittel oder das Geschirr nach Fisch? „Nö.“
Andere Tipps hingegen, das gibt Finkbeiner zu, mögen vielleicht et was fragwürdig sein. „Aber auf der Webseite gibt es eine Kommentarfunktion, und ein paar Kommentare haben wir auch ins Buch übernommen“, sagt er. „Wir können schließlich nicht immer alles ausprobieren, irgendwann müssen wir auch mal studieren.“
Der Tipp, Waschbecken mit Apfelsinenschalen zu putzen, stößt bei spielsweise nicht auf ungeteilte Begeisterung: „Wozu gibt es Kalksprays?“, fragt ein pragmatischer User.
Inzwischen sind beide im sechsten Semester - Koautor Hans-Jörg Brekle studiert Sozialpädagogik in Ludwigsburg. Über die Probleme mit den Salzkartoffeln können sie inzwischen nur müde lächeln: „Kochen ist inzwischen ein Hobby von mir, da gibt es inzwischen auch schon mal selbstgemachte Lasagne“, erzählt Finkbeiner. Und wenn „Frag-Mutti.de“ mal nicht weiterweiß, gibt es inzwischen auch „Frag-Vati.de“. Hier lernt man, wie man mit Sprühlack den Heizkörper in neuem Glanz erstrahlen lässt oder wie man lästige Verehrerinnen wirkungsvoll loswird.
Bernhard Finkbeiner, Hans-Jörg Brekle: „Frag Mutti“, Fischer Taschenbuch Verlag, 235 Seiten, 7,95 Euro.
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