Von SUSANNE HENGESBACH, 29.08.06, 07:29h
Mir fällt bei meinen Kaffee-Gesprächen häufiger auf, dass die Themen der Männer meistens um den Beruf kreisen, während die Frauen eher geneigt sind, über Beziehungen, Trennungen, enttäuschte Erwartungen, Verletzungen und andere persönliche Dinge zu sprechen. Bei der jungen Frau, der ich diesmal begegne, ist die berufliche Tätigkeit eng mit der seelischen und emotionalen Ebene verflochten. Dian Tara Krautz ist Krankenschwester und arbeitet in der Tagesklinik für Borderline-Störungen. Das heißt, sie betreut Menschen mit einer höchst instabilen Persönlichkeit.
Wir haben ein langes, intensives Gespräch, bei dem - zumindest für mich - deutlich wird, dass sich eine Borderline-Störung nicht an ein paar wenigen Symptomen festmachen lässt, die man bei allen Betroffenen wiederfindet. Vielmehr zeichnet sich dieses Krankheitsbild durch sehr unterschiedliche Merkmale aus, die auf den einen stark, auf den anderen hingegen gar nicht zutreffen (können).
Krautz erklärt, es gäbe insgesamt neun Kriterien, von denen fünf erfüllt sein müssten, um eine Borderline-Störung diagnostizieren zu können. Chronische innere Leere sei ein Merkmal, sagt sie und verdeutlicht das mit dem Bild des hohlen Schokoladenweihnachtsmanns. Starke Stimmungsschwankungen, Depressionen, Ängste, extreme Idealisierungen oder Entwertungen, Schwarz-Weiß-Denken, Autoaggressives Verhalten, Ess-Störungen oder Drogenmissbrauch. Realitätsverlust, Rituale und Zwänge, hohe Impulsivität oder Risikoverhalten; etwa, dass jemand auf der Autobahn spazieren ginge. Sich einerseits Nähe und Geborgenheit zu wünschen, sie dann jedoch kaum aushalten zu können, sei ein weiteres Kriterium ebenso wie das wankende oder verfälschte Selbstbild.
Das Gemeinsame bei allen Betroffenen sei der enorme Leidensdruck. „Sie hängen am seidenen Faden und wissen nicht, ob sie sich loslassen sollen oder nicht“, beschreibt Krautz das Dilemma dieser Grenzgänger. Die Borderline-Störung sei im Übrigen kein typisches Frauenproblem, sagt sie. „Bei den Männern ist die Dunkelziffer sehr hoch.“ Meist seien es sehr facettenreiche, schillernde Persönlichkeiten - „nicht selten in hohen Jobs“-, bei denen man es nicht vermuten würde und es aufgrund ihrer Fassade und ihres Perfektionismus nicht erkennt. Allmählich fänden mehr Männer den Mut, dazu zu stehen - obwohl diese Störung immer noch stark tabuisiert sei.
Ich frage die 34-Jährige nach den Heilungsmöglichkeiten. Charakteristisch für Therapeuten sei im Allgemeinen, „dass sie weiterhelfen möchten“. Aus Sicht der Krankenschwester ist es in diesem speziellen Fall jedoch mitunter wichtiger, etwas stehen lassen zu können und zu sagen: „Das ist nun mal so.“
„Empathie und Validierung“, davon ist Krautz überzeugt, sei der Königsweg zu Borderline. Sie wünscht sich mehr Aufklärung, mehr Diagnostik und mehr Anlaufstellen für Betroffene. Nähere Einblicke in die Krankheit vermittele das Buch „Inmitten vom Nirgendwo“ von Tina S., einer Betroffenen und Mitbegründerin der Zeitschrift „Grenzposten“.
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