Von RAINER BRAUN, 04.09.06, 07:06h
Wenn sich die ARD-Intendanten nächste Woche in Schwerin treffen, dürfte es an Gesprächsstoff kaum mangeln. Verständigen müssen sich die Sender-Chefs auch darüber, wie künftig mit Doping im Sport und journalistischer Ethik umgegangen wird. Das Fiasko bei der diesjährigen Tour de France legt deutliche Korrekturen nahe, wenn die ARD ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will. Neue Details belegen, warum sich der Eifer der ARD-Sportberichterstatter zum Doping im Radsport in sehr engen Grenzen hielt.
Anfang letzter Woche gab ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf, dessen Vertragsverlängerung in Schwerin ansteht, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Erstaunliches bekannt. Stolz verkündete er, dass die ARD im Zuge der Doping-Affäre bestehende Verträge mit den Pedaleuren Erik Zabel und Jan Ullrich zum Jahresende kündige. Nicht dementiert wurde, dass Ullrich rund 100 000 und Zabel 10 000 Euro pro Jahr für Exklusiv-Auftritte erhielten. Ein ARD-Sprecher bestätigte dem „Kölner StadtAnzeiger“, dass die Verträge von 1998 datierten, als die ARD eine „besondere Medienpartnerschaft“ mit dem „Team Telekom“ einging. Finanziert wurde der Deal dem Vernehmen nach von Werbetöchtern und Sponsoren der ARD - mit Wissen der ARD-Rechteagentur „Sport A“ und des Sportkoordinators.
Zabel durfte vertragsgemäß für die ARD in Einspielern den Radsport-Fans einiges über Technik und Taktik erklären. Ullrich wurde gegen Geld exklusiv bei seinen Trainings-Vorbereitungen, PR-Auftritten und Interviews in „Brisant“ oder der „Sportschau“ in mildes Licht gerückt. Ursprünglich war er auch für ein „Tour-Spezial“ vorgesehen und sollte in diesem Jahr im Mittelpunkt eines filmischen Tagebuchs im Rahmen der ARD-Berichterstattung zur Tour de France stehen.
Diese Verquickungen von fragwürdigem Sport, Kommerz und dem gebührenfinanzierten Senderverbund illustrieren, wie es um das journalistische Selbstverständnis mancher Herren in der ARD bestellt ist. Für Interviews und PR-Auftritte Geld zu zahlen, „kann nicht sein“, bezog ZDF-Pressesprecher Walter Kehr gegenüber dieser Zeitung klar Position. Nicht vergessen sei freilich, dass in der Vergangenheit ZDF-Akteure wie „Tour“-Reporter Rudi Cerne oder Ex-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann lukrativen Nebengeschäften nachgingen - beide standen auf der „Pay roll“ des Rennstalls „Team Gerolsteiner“.
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