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Brecht für jeden und gegen alles in Berlin

Von HORST WILLI SCHORS, 04.09.06, 07:03h

Feierstunde für den deutschen Dichter. Das Brecht-Fest am Berliner Ensemble dokumentiert, dass der vor 50 Jahren gestorbene und seither oft totgesagte Dramatiker noch ziemlich lebendig ist.

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Bert Brecht, 1954
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Bert Brecht, 1954
Eine Brecht-Andacht wird zelebriert. Drei Wochen lang hatte das Brecht-Fest am Berliner Ensemble dokumentiert, dass der vor 50 Jahren gestorbene und seither oft totgesagte Dramatiker noch ziemlich lebendig ist - vor allen Dingen auch außerhalb des eigenen Sprachbereichs. Ensembles aus Budapest, Tokio, Nizza und Barcelona zeigten Inszenierungen rund um Brecht. Zum Abschluss sollten noch einmal der politische Brecht und seine Tauglichkeit für die tägliche Auseinandersetzung („Brecht gegen den Krieg“) gefeiert werden. Claus Peymann hatte dazu „Staatsschauspieler“ aus dem Bundestag auf die Bühne geholt und neben echten Schauspielern platziert: „Mal sehen, wer die besseren Schauspieler sind.“

Deutlich wurde, dass Theaterleute (Manfred Karge, Peter Sodann, Hermann Beil) besser Brecht-Texte rezitieren können als Politiker (Jürgen Trittin, Gregor Gysi, Hermann Scheer, Ottmar Schreiner, Gesine Lötzsch). Schwer haben es Grenzgänger wie der Barde („Lerryn“) und Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm, der in keiner der beiden Welten so recht daheim zu sein scheint. Einig war man sich bei den Vertretern der roten, grünen und der ganz roten Fraktionen, dass Brecht-Gedanken und Zitate immer noch eine wichtige Rolle im politischen Alltag spielen. Beklagt wurde freilich, dass Brecht zunehmend zum Liebeslyriker entpolitisiert und zum kulinarischen Bühnenautor reduziert werde. Die anklagenden Finger wiesen dabei auf die andere Seite der Spree, wo im Admiralspalast die „Dreigroschenoper“ als Event gefeiert wird, dem auch die Deutsche Bank (als Sponsor) und deren Chef Ackermann zustimmend applaudierten - selbst an jener berüchtigten Stelle, wo davon die Rede ist, dass ein Banküberfall nur eine lässliche Sünde sei im Vergleich zur Gründung einer Bank.

Man hätte dazu gern auch konservative oder liberale Stimmen gehört. Doch die angekündigten Peter Gauweiler, Norbert Lammert und Heiner Geißler waren im Vorfeld abhandengekommen. Allein Norbert Blüm war übriggeblieben, konnte aber nur vom Krankenbett aus (Bandscheibe) telefonisch eingreifen, wobei er neben einer wahrhaft dialektischen Bemerkung über den Zusammenhang von Kreuzschmerzen und Christentum den von ihm hochgeschätzten Brecht noch einer politischen Bleiche unterzog: „Der sprengt jedes ideologische Konzept.“ Brecht wehrt freilich auch weiterhin hartnäckig als Versuche ab, von Freunden und Gegnern totgespielt, totzitiert und totgesungen zu werden. Selbst in japanischer und katalanischer Sprache mit deutschen Obertiteln entfaltet er noch Wirkung. Im Zeitalter des sozialen Niedergangs, frohlockte Gysi, sei Brecht aktuell wie nie zuvor. „Vor fünfzehn Jahren“, behauptet der Linke, „hätte ein solches Brecht-Fest niemanden interessiert.“ Zumindest ein Besucher stimmt ihm zu und hat in das Gästebuch des Brecht-Festes gedichtet: „Jetzt erst recht. Brecht hat Recht.“



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