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Gehorsam, Strafe, klare Werte

Von MICHAEL AUST, 12.09.06, 10:52h, aktualisiert 19.09.06, 09:59h

Gehorsam, Strafen, klare Werte - Erziehungsexperten fordern einen neuen Mut zur Strenge. Kinder müssten wieder spüren, dass ihr Fehlverhalten Folgen hat. Der Kampf um die richtige Erziehung hat sich verschärft.

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Wenn Kinder die Zunge rausstrecken: Darüber, wie Eltern reagieren sollten, ist ein Streit entbrannt.
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Wenn Kinder die Zunge rausstrecken: Darüber, wie Eltern reagieren sollten, ist ein Streit entbrannt.
Jeden Morgen das gleiche Drama. Jeden Morgen sagt Alexandra Martens (Name geändert) ihrem achtjährigen Sohn, dass er seinen Schlafanzug nicht einfach vors Bett werfen soll. Jeden Morgen wird neu über diese und andere Kleinigkeiten diskutiert. Übers Zähneputzen, Ranzenpacken, Frühstückmachen. „Holst du mir mal einen Löffel aus der Schublade?“, bittet Martens ihren Sohn. Er guckt sie erstaunt an: „Bin ich dein Diener?“

So wie Alexandra Martens geht es vielen Eltern und Erziehern. Bernhard Bueb, selbst Vater von zwei Töchtern und langjähriger Schulleiter des Elite-Internats Salem, kritisiert diese Entwicklung: „Das Leiden der Eltern, Lehrer und Erzieher besteht darin, dass sie täglich einen Großteil ihrer Zeit damit verschwenden, ein Minimum an Ordnung, Manieren und Verlässlichkeit bei den Kindern zu erwirken.“ Dieses Leiden könne man nur durch eine Erziehung zum Gehorsam beheben: „Disziplin und Autorität sind gute deutsche Worte, die man wieder selbstverständlich verwenden sollte.“

Autorität? Gehorsam? Disziplin? Diese Begriffe hat man bei Erziehern in den vergangenen Jahrzehnten eher selten gehört. In den 68ern begann in Deutschland die Abkehr vom autoritären Erziehungsdenken. Disziplin und Gehorsam galten vielen seither als Begriffe aus der preußischen Pädagogikmottenkiste. Bildungsbewusste Eltern schickten ihre Kinder auf freie Schulen, an denen die Schüler selbstbestimmt lernen und arbeiten. Eine Erziehung also, bei der die individuelle Entwicklung des Schülers im Vordergrund stand. Ein Erziehungssystem hingegen, das mit Gehorsam und Zwang operierte, erinnerte an dunkle Zeiten.

Den „langen Atem Hitlers“ nennt Bernhard Bueb diese Entwicklung, für ihn „eine der folgenreichsten Fehlentwicklungen in unserem Erziehungssystem“: „Kein Bereich ist so geschädigt durch den Nationalsozialismus wie der pädagogische.“ Doch die im Dritten Reich missbrauchte Disziplin sei an sich neutral - und Gehorsam genau das, was in der heutigen Erziehung fehle.

Heute sind viele Eltern und Lehrer unsicher und suchen nach neuen Erziehungsmethoden - wahrscheinlich ein Grund dafür, warum die Thesen, die Bueb in seinem Buch „Lob der Disziplin“ darlegt, so viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Diskussion ist nicht neu, aber sie nimmt an Schärfe zu: Während schon lange zu Grenzen in der Erziehung aufgerufen wird, drängen Apologeten der neuen Härte nun auf den endgültigen Abschied von der „Kuschelpädagogik“. „Das Experiment ist vollständig gescheitert“, sagt Bueb.

Eine Meinung, der sich nicht alle Pädagogen anschließen mögen. „Ich habe Probleme mit dem Begriff Disziplin, wichtiger ist Selbstdisziplin“, sagt Daniel Sommereisen, Schulleiter an einer freien Grundschule im baden-württembergischen Brigach. Während Bueb ein Kapitel seines Buchs mit „Man muss nicht immer über alles diskutieren“ überschreibt, plädiert Sommereisen für mehr Debatten mit Schülern. „Es ist der falsche Weg, sofort Strafen auszusprechen. Konsequenzen aufzuzeigen ist wichtig, aber ein klärendes Gespräch bringt oft mehr, als mit Strafandrohungen eine Diskussion abzubrechen“, sagt Sommereisen.

Pädagogen wie Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Köln, halten dagegen gar nichts von zu viel Rederei - und treffen damit offenbar einen Nerv: Wunschs Bücher „Die Verwöhnungsfalle“ und „Abschied von der Spaßpädagogik“ sind Bestseller. „Seit der 68er-Pädagogik ist etwas gründlich schief gelaufen“, sagt Wunsch. „Viele Eltern und Erzieher haben verlernt, Stopp zu sagen. Heute kapitulieren Eltern schon vor 12-Jährigen.“ Dieser Entwicklung könne man nur mit dem Mut zum Strafen begegnen. Die Kinder müssten wieder spüren, dass ihr Fehlverhalten Folgen hat. „Mein Rat ist: Aufhören, mit den Kindern über die Fragen des Alltags und der Ordnung zu diskutieren“, sagt auch Bernhard Bueb. „Wenn man seinem Kind sagt: »Räum dein Zimmer auf«, und das Kind antwortet »Nein«, sollte man keine Diskussion zulassen.“

„Kuschelpädagogik“ oder blinder Gehorsam? Der Kampf um die richtige Erziehung hat sich verschärft.



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