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Graue Eminenz mutiert zur Lichtgestalt

Von Joachim Frank, 15.09.06, 06:45h, aktualisiert 15.09.06, 09:54h

Keine Angst vorm weißen Mann! In Bayern ist Papst Benedikt XVI. der bisherigen Linie seines Pontifikates treu geblieben: Seelenbalsam statt Moralpredigt; mehr Glaubensschule als Gesellschaftskritik.

Keine Angst vorm weißen Mann! In Bayern ist Papst Benedikt XVI. der bisherigen Linie seines Pontifikates treu geblieben: Seelenbalsam statt Moralpredigt; mehr Glaubensschule als Gesellschaftskritik. Als Mann des geschliffenen Wortes findet er für sein Grundanliegen immer wieder Formulierungen, die ins Ohr und zu Herzen gehen: Der Glauben ist Bereicherung, nicht Bedrohung - weder für die Christen noch für die säkulare Kultur.

Bedenkenswert ist der Hinweis, dass die Kirche für den Westen im Dialog der Kulturen eine wertvolle Partnerin ist, weil sie von Gott weiß - einem Gott zumal, der „seinem Wesen nach“ nichts gemein hat mit Fanatismus und Gewalt. Diese Aussage verunglimpft nicht den Islam. Vielmehr hat das Christentum selbst eine Blutspur in der Geschichte hinterlassen und nur mühsam gelernt, dass Glaubensfreiheit und Toleranz nicht vom Teufel sind. Umso wichtiger ist es heute, eine innerislamische Aufklärung zu stärken.

Wie Benedikts Lob der vernunftgeleiteten Religion zum bisweilen kopflosen Taumel um seine Person passt, ist eine ganz andere Frage. Manfred Kock, früherer rheinischer Präses, spricht zu Recht vom Risiko, sich vor lauter Papsttrunkenheit von Christus zu entfernen. Benedikt selbst versucht, dem Bedürfnis nach Identifikationsfiguren zu entsprechen, ohne den Personenkult zu nähren. In seinen Predigten lenkt er entschieden den Blick auf Gott.

Immer noch ist es verblüffend, wie Joseph Ratzinger, die „graue Eminenz“ des Vatikans, so problemlos zur Lichtgestalt mutieren konnte. Sollten seine Kritiker, die mit ihm als Präfekten der Glaubenskongregation ihre liebe Not hatten, den eigenen Vorurteilen aufgesessen sein? Solche Fragen kommen Ratzinger sehr zupass. Schon in der Schrift „Aus meinem Leben“ von 1997 wollte er dem eigentlich schwer abweisbaren Vorwurf begegnen, mit Eintritt in die Hierarchie habe er sich vom Reformer zum Restaurator gewandelt. Tenor: Ich bin mir treu; nur die Etiketten ändern sich.

Ganz so einfach verhält sich das nicht. Wenn Ratzinger heute herausstellt, die christliche Botschaft sei keine Ansammlung von Verboten, dann hätte das auch aus früheren Dokumenten sprechen müssen. Und umgekehrt: Was wird jetzt eigentlich aus dem Berg von Vorschriften, Restriktionen und Maßregelungen, mit denen Rom die Weltkirche überzogen hat? Landen sie im großen Schredder, auf dem das Motto von Benedikts Enzyklika steht, „Gott ist die Liebe“?

Und was wird aus der Ökumene? In München hat der Papst dem Bundespräsidenten zugesagt, sich „mit Herz und Verstand“ für die Einheit der Christen einsetzen zu wollen. Nur: Herz und Verstand reichen nicht. Wunsch und Wille müssen hinzukommen, vor allem beim Papst, der nun einmal Macht hat, Dinge zu verändern.

Benedikts Changieren zwischen einnehmenden Worten und ausbleibenden Taten hat zu einem Wahrnehmungs-Spagat geführt: 32 Prozent aller Katholiken geben an, ihre Meinung über die Kirche habe sich durch Papstwahl und Weltjugendtag 2005 verbessert. Zugleich ist aber der Anteil derer, die für ihre Kirche dringenden Reformbedarf sehen, in drei Jahren von einem Drittel auf mehr als die Hälfte gestiegen. Und in der Gesamtbevölkerung schreitet der Imageverlust der katholischen Kirche voran. Das „Tonikum Benediktum“ ist demnach kein Heilserum, sondern allenfalls ein Beruhigungsmittel - mit gefährlichem Potenzial zum Suchtstoff.

joachim.frank@ksta.de



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