Von BIRGIT LEHMANN, 20.09.06, 07:12h
Hürth - Vorsitzender Peter Schmitt-Sausen versteht es manchmal kaum. „Wenn bei der Hürther Jazznacht im Bürgerhaus irgendwo in einem Raum Free-Jazz gespielt wird und eine Stunde lang nur Laute wie »Tüüüt, Prrrscht, Zirrrkk“ erklingen, dann sitzen da 40 Leute und sagen hinterher: »Interessante Musik«. Wenn ich einen in dieser Szene bekannten Musiker für ein Einzelkonzert hierher hole, dann kommen nur zwei Leute.“ Gespielt werde natürlich trotzdem und das mit großer Leidenschaft, aber das Leben eines Jazzbegeisterten, der andere Leute für seine Musik interessieren will - scheint nicht leicht.
Peter Schmitt-Sausen, Mitbegründer des Hürther Jazz-Clubs, und seine Mitstreiter lassen sich dennoch nicht entmutigen. Seit 20 Jahren gibt es den Jazz-Club Hürth - und er bereichert mit zehn kleineren Konzerten im Jazz-Keller und der Hürther Jazznacht im Bürgerhaus, bei der Dutzende von Bands der verschiedenen Stilrichtungen Musik machen, das Musikleben um einige zum Teil schräge aber feine Noten.
Das Domizil des Jazzclubs ist seit 1990 ein weiß-gekalkter Gewölbekeller in der ehemaligen Gleueler Grundschule an der Hermülheimer Straße. In den oberen Klassenräumen sitzt heute die „Lebenshilfe“, den alten Gewölbekeller, der bis zur Decke mit Müll zugeschüttet war, haben die Mitglieder des Jazzclubs vor 20 Jahren freigelegt, Toiletten und Theke eingebaut, die Wände weiß gekalkt, ein paar Tische, Barhocker und ein Klavier hineingestellt. 100 000 Mark hat die Renovierung damals gekostet. Ein Drittel des Geldes stiftete damals das Land, ein Drittel die Stadt, ein Drittel brachten die elf Gründungsmitglieder und einige Sponsoren selbst auf, vieles wurde in Eigenarbeit gemacht. Die Gründungsidee, so Schmitt-Sausen, der lange Zeit für die CDU im Rat saß, wurde nach einer Ratssitzung geboren: „Wir wollten dem Jazz eine Plattform bieten.“
Der Jazz-Keller wird heute noch von 17 anderen Bands als Proberaum genutzt. Finanzielle Unterstützung gibt es rund 2000 bis 3000 Euro im Jahr von der Stadt. Jeden Cent davon stecken die mittlerweile 108 Mitglieder - der Jahresbeitrag liegt bei 36 Euro im Jahr - in die Musik. Davon werden die Konzerte im Jazz-Keller veranstaltet. Jeder Künstler bekomme nicht mehr als 300 Euro, versichert Schmitt-Sausen. Umso mehr freut es ihn, wenn mittlerweile anerkannte Musiker wie der Zigeunerswing spielende Jazzer Joscho Stephan immer wieder nach Hürth kommen. „Er hat mit 17 Jahren schon bei uns gespielt.“
London, Salzburg, Hürth
Aber bekannte Namen wie das Ali-Claudi-Trio oder Anna Mantus & Friends, die Chicagoer Sängerin Angela Brown, der Sänger Tom Gable, die RTL-Big-Band und auch der einzige Inhaber eines Lehrstuhls für die Hammond-Orgel, John Hondorp, mit seinem Quartett waren in Hürth zu Gast. „Swing und Dixie locken natürlich das große Publikum ins Bürgerhaus“, sagt Schmitt-Sausen, der besonders stolz ist, dass es ihm gelang, das Count-Basie-Orchestra zu engagieren. „Die haben auf ihrer Europatournee in London, Stockholm, Salzburg, Kopenhagen und in Hürth gespielt.“
Und manchmal werden die Jazz-Fans auch von einer unverhofft großen Resonanz überrascht: „Dreimal ist uns bisher das Bier ausgegangen“, gesteht der stellvertretende Vorsitzende Hermann Hellmich - aber er fährt tausendmal lieber Nachschub holen, als einen Jazz-Fan zu enttäuschen zu müssen.
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