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Eine Ratte inmitten von Blumen

Von OLIVER GÖRTZ, 03.10.06, 08:54h

Für nichts auf der Welt wollen sich Malva ihre Eigenständigkeit nehmen lassen. Das Trio spielt ungeschminkten Emo-Core, die gleiche Stilrichtung, die auch die berühmte Band "Jimmy Eat World" pflegt.

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Schnitzel Schneider (v.l.), Jacque Wollgast und BiDigi sind Malva.
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Schnitzel Schneider (v.l.), Jacque Wollgast und BiDigi sind Malva.
Mit Vorreitern, auch und vor allem im Musik-Geschäft, ist das so eine Sache. Durch dieses Prädikat geadelt, werden sie umgeben von der Aura des Visionären. Denn Vorreiter glaubten trotzig an die Zukunftsfähigkeit ihrer Idee, zu einem Zeitpunkt, als die Welt eigentlich noch nicht bereit war für ihren kreativen Output. Verehrung, Respekt allenthalben.

Manchen Vorreitern widerfährt jedoch das Schicksal, in relative Vergessenheit zu geraten, weil da mächtige Nachfolger kamen, die alle Aufmerksamkeit absorbierten. So erging es etwa der Seattler Band Mudhoney, ohne deren musikalischen Einfluss Ende der 80er die damaligen Rotzlöffel von Nirvana bewiesenermaßen niemals die Welt erobern konnten. Und ein bisschen ergeht es so den Kölnern Malva. Seit ihrer Gründung 1992 spielen sie genau das, womit heute Combos wie Jimmy Eat World und die Münsteraner Muff Potter mächtig abräumen: Emo-Core, der ebenso hart ist wie Punk und Hardcore, aber nur manchmal die politische, mehr die persönliche Aussage verfolgt.

Vielleicht ist ihr musikalisch unbegründetes Schattendasein auch darin begründet, dass das Trio bislang nur wenige Veröffentlichungen zu vermelden hatte: Eine Single, einige Samplerbeiträge. „Wir haben nie Demos abgegeben. Alles ist immer nur passiert“, sagt Malva-Schlagzeuger BiDigi, 31, der sonst als Pädagoge arbeitet. Was da so passiert ist, konnten die Besucher der unzähligen Konzerte in Deutschland und Europa bestaunen: Ungeschminkte Punk-Riffs, Screamo-Salven, ordentlich Feedback und mal mächtig, mal mäßig treibende Drums. „Wir benutzen kaum Effekte. Wir nehmen nur das, was im Verstärker drinsteckt“, verrät Sänger und Gitarrist Schnitzel Schneider. Diese Reduktion auf das technische Minimalmaß hat einen entscheidenden Vorteil, findet Basser Jacques Wollgast (30): „Wir können im Grunde überall sofort losspielen“, grinst der Grafiker.

Bei ihren Shows musizierten sie bereits mit der ein oder anderen veritable Szenegröße. In Bremen hatten sie das Vergnügen, mit den schottischen Anarcho-Punks Oi Polloi. Und mit den britischen Emo-Geschwistern Policy of 3 tourten sie gar durchs Vereinigte Königreich, Belgien und Deutschland. „Das war Wahnsinn“, staunt Schnitzel. „In England haben wir für Spritgeld und Essen gespielt“, so der 32-Jährige, der ebenfalls Grafiker ist. Und sie lernten die berüchtigten britischen Stilblüten kennen. „Die Leute, bei denen wir übernachtet haben, trugen Punkrock-Shirts und hatten spießigste Porzellankatzen auf ihren Möbeln stehen“, erzählt Schnitzel. Die Gigs im Vereinigten Königreich haben dem Trio zudem eine ordentliche Fan-Gemeinde auf der Insel eingebracht. „Dort kennen uns eigentlich mehr Leute als in Deutschland“, so Jacques.

In Belgien nennen sie einige nur die „Flower-Band“. Denn Malva ist italienisch für „Malve“ und ein Überbleibsel aus der Zeit, als es noch einen italienischen Sänger gab. „Andere Punk- und Hardcore-Bands hatten eher böse Namen, deshalb wollten einen lieben“, sagt Jacques. Obwohl seine Interpretation des Bandbezugs zu dem Pflänzchen wenig niedlich ist: „Malven wachsen einfach überall, sie sind anspruchslos. Es sind die Ratten unter den Blumen.“

Da Ratten ausgesprochen findige Selbstversorger sind, nehmen die drei Emo-Malven ihre Geschicke auch lieber in die eigenen Hände. Do it yourself steht ganz oben im Band-Grundgesetz. Die Songs werden selbst aufgenommen und produziert, die Coverarts sind Jacques' Illustrationen. Ihre Musik, auch die der umtriebigen Nebenprojekte jedes Einzelnen, bringen sie beim eigenen Label „Use“ unter. „Uns ist wichtig, dass wir absolut autark sind“, postuliert Jacques.

Daher rührt auch die ungehemmte Liebe zu autonomen Zentren. „Da gibt's keinen großen Verwaltungsakt. Man geht hin, spielt und gut ist“, sagt BiDigi. „Bedauernswert“ finden die Musiker, dass autonome Zentren im Schatten des Doms so rar sind wie Eisbären in der Wüste. „In dieser Hinsicht ist Köln so gut wie tot“, trauert Jacques.

Das schmerze besonders, da sie so gerne hier leben. „Traumhaft“ ist etwa für Jacques, wenn er mit der Rhein-Fähre von Mülheim zum linksrheinischen Proberaum in der Hohenzollernbrücke übersetzt. Dort soll übrigens Anfang nächsten Jahres endlich der erste ausgewachsene Longplayer entstehen. Damit einer der Vorreiter des bundesrepublikanischen Emo-Cores nicht in Vergessenheit gerät. Wäre auch schade drum.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Telefonnummer: 2 24-23 23 /22 97, E-Mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden - auf CD oder als Sounddatei - mit einer E-Mail. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.

 www.useuse.de

 www.ksta.de/klangprobe



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