Von SIBYLLE QUENETT, 27.09.06, 07:01h
Berlin - Wer die Wahrheit sucht, braucht manchmal einen langen Atem und muss oft verschlungene Pfade beschreiten. Der Tod des Uwe Barschel am 11. Oktober 1987 in einem Hotelzimmer in Genf hat bis heute viele Fragen aufgeworfen und beschäftigt die Fantasie der Menschen: Hat der vormalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins tatsächlich, wie zunächst behauptet, Selbstmord begangen? War er in internationale Waffengeschäfte verstrickt, die zu seinem Tod führten? Stand er als geistiger Vater einer Schmutzkampagne im Wahlkampf 1987 gegen seinen Herausforderer Björn Engholm (SPD) hinter Reiner Pfeiffer? Einem Skandal, der als „Barschel-Affäre“ in die Annalen der Republik einging.
Der Kölner Journalist und Autor Wolfram Baentsch hat den mit 43 Jahren verstorbenen Barschel nie kennengelernt. Antworten auf die Fragen, die der Fall Barschel aufgeworfen hatte, hat er dennoch gesucht. Drei Jahre hat Baentsch nach seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben das getan, was Journalisten eigentlich immer tun sollten: Er hat recherchiert, zusammengetragen, was an Material öffentlich und nicht-öffentlich zugänglich war, und mit Menschen gesprochen, die das Geschehen vor und nach dem Tod Barschels in einer Genfer Hotel-Badewanne miterlebt haben.
Das Buch „Der Doppelmord an Uwe Barschel“, das Baentsch heute vorstellt, stellt viele Gewissheiten des damaligen Skandals in Frage. Nicht zuletzt die These, dass Engholm Opfer und Barschel zusammen mit seinem damaligen Medienreferenten Pfeiffer während des Wahlkampfs Täter war. Diese Annahme dürfte zunächst zum Sieg des SPD-Spitzenkandidaten in der Landtagswahl 1987 beigetragen haben. Schon der zweite Parlamentarische Untersuchungsausschuss in Kiel, der so genannte „Schubladen-Ausschuss“, hat aber in den Jahren 1993 bis 1995 den Kronzeugen Pfeiffer gegen Barschel in seiner Glaubwürdigkeit zerpflückt. Engholm musste Jahre nach seinem Überraschungssieg zugeben, dass er sehr wohl über angeblich gegen ihn gerichtete Aktivitäten Pfeiffers Bescheid wusste.
Damit ist Barschel selbst noch nicht rehabilitiert. Bis heute ist unbestritten, dass auch er in seiner „Ehrenwort-Pressekonferenz“ am 18. September 1987 nicht bei der Wahrheit blieb, als er sagte, er habe von den Aktionen Pfeiffers nichts gewusst. Das mögliche Anbringen einer Wanze im Telefon Engholms ist in einem Telefonat von Pfeiffer zumindest angesprochen worden.
Aber der Jurist Baentsch hinterfragt intensiv das Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem 11. Oktober in Genf. Ermittlungspannen, die heute aktenkundig sind, hält er nicht für einen Zufall. Nach Gesprächen mit Beteiligten unterstellt er ein politisches Interesse an dem offiziellen Untersuchungsergebnis, dass Barschel als Selbstmörder starb.
Denn daran gibt es begründete Zweifel. Das Buch, das sich über weite Strecken wie ein Thriller liest, hat auch Passagen wie ein kriminalwissenschaftliches Lehrbuch.
Baentsch beschreibt detailliert die Arbeit von Gerichtsmedizinern, die zu dem Schluss kommen, dass Barschel vor seinem Tod mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen wurde. Er zitiert ausführlich den Bericht eines Toxikologen, der nach der Analyse des Pharmacocktails in Barschels Magen einen Freitod für unwahrscheinlich hält. Und der Autor macht sich Gedanken über Hintermänner, die tatsächlich am Tod des ehemaligen CDU-Mannes Interesse gehabt haben könnten.
Die Schlussfolgerungen sind beunruhigend. Baentsch verweist auf ein illegales U-Boot-Geschäft mit Südafrika, das, über Israel abgewickelt, ein UN-Embargo unterlief. Der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, wo die U-Boote von der Howaldtswerke / Deutsche Werft AG (HDW) gebaut wurden, wusste davon ebenso wie sein Amtsvorgänger, der spätere Finanzminister, Gerhard Stoltenberg (CDU), oder der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Baentsch zieht Querverbindungen zu CIA, BND und Mossad und hebt hervor, dass Barschel am 12. Oktober 1987 in Kiel öffentlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen in diesem Zusammenhang Stellung nehmen wollte. Das hätte die eigentlichen Hintermänner des Geschäfts in Gefahr bringen können.
Den Namen eines Mörders nennt auch Baentsch nicht. Aber er zitiert aus einem späten Bekennerbrief zu der Tat, den Barschels Witwe Freya im Jahr 2003 erhielt. Wenn man dieses Schreiben und andere Indizien ernst nähme, gäbe es Grund, das Verfahren, das 1998 abgeschlossen wurde, wieder aufzunehmen.
Wolfram Baentsch: „Der Doppel mord an Uwe Barschel - Die Fak ten und Hintergründe“. Herbig, 320 Seiten, 24,90 Euro.
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