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In Indien tobt ein Kampf ums Studium

Von WILLI GERMUND, 26.09.06, 11:32h

Auf dem Subkontinent tobt eine Art „Ausbildungsklassenkampf“. Indiens Regierung richtete Quoten an den Universitäten für Inder ein, die wegen ihrer Kaste benachteiligt sind. Doch die Quoten sind umstritten.

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Schulbildung ist in Indien keine Selbstverständlichkeit.
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Schulbildung ist in Indien keine Selbstverständlichkeit.

Neu-Delhi - Sein ganzes Leben lang hielt Lakshma Reddy an einem Ziel fest. „Ein Bauer lebt wie die Ochsen an der Wasserpumpe“, sagt der 49-jährige Mann, „er geht immer nur im Kreis. Das möchte ich meinem Kindern ersparen.“ Bekleidet in einem traditionellen „Dhoti“, einem dünnen Baumwolltuch um die Hüfte, stellt er zwei seiner vier Kinder vor: Die Tochter Pilakshmi, knapp 18 Jahre alt, spricht besser Englisch als ihr 23-jähriger Bruder Jaipaul.

Wie fast alle anderen Bauern in der Region rund 60 Kilometer nördlich der Stadt Haiderabad verschuldete sich Reddy bis zu den Haarspitzen. Im Nachbarhaus hängt das Porträt eines Kollegen, der irgendwann dem Druck der Kredithaie nicht mehr standhalten konnte, die ihre Schulden eintrieben. Der Mann beging Selbstmord aus Verzweiflung. Alleine für einen Traktor müssen die Bauern 16 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie ein Darlehen aufnehmen.

„Ich habe nie darüber nachgedacht“, sagt Reddy, „schließlich habe ich Schulden gemacht, damit meine Kinder eine vernünftige Ausbildung genießen konnten.“ Die Tochter geht noch zur Schule. Sohn Jaipaul legte sein Examen bereits ab und sucht nun nach einem Job. Er weiß, dass er seine Hoffnungen dämpfen muss. „Natürlich wäre es toll, wenn ich einen Job bei einer Softwarefirma kriegen könnte“, sagt der 23-Jährige, „aber die Hauptsache ist, dass ich überhaupt Arbeit finde.“

Jaipaul stammt aus einer Bauernkaste. Sein Englisch ist brüchig. Die IT-Firmen verlangen bessere Sprachkenntnisse. Jaipaul wäre schon froh, wenn er einen Job finden kann, der hilft, die Schulden seines Vaters zu tilgen.

Ausbildung für die Kinder, das ist das Ziel nahezu jeder Familie in dem 1,1 Milliarden Einwohner zählenden Land. Jahr für Jahr werben ausländische Universitäten und multinationale Konzerne die rund 4000 Abgänger von Indiens sieben „IITs“ (Indian Institute of Technology), den Eliteunis des Landes, ab. Rund 200 000 weitere Hochschulabgänger haben ebenfalls kaum Mühe, einen Job in der Privatwirtschaft zu finden. Aber ein Drittel der 1,1 Milliarden Inder kann weder lesen noch schreiben.

Dabei steht selbst in dem Dorf Purna Bhuri rund vier Stunden Autofahrt von Kalkutta entfernt ein kleines Schulgebäude. Doch die Lehrer, die hier unterrichten, gehören zu den Naxaliten, wie sich in Indien die maoistische Untergrundbewegung nennt, die mittlerweile in einem Viertel der mehr als 600 Distrikte des Landes aktiv ist.

Eine staatlich besoldete Lehrkraft hat sich seit Jahren nicht mehr in dem Dorf blicken lassen. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser. Während des Monsuns kann das Dorf nur in einem einstündigen Fußmarsch erreicht werden. Hier leben überwiegend Dalits, wie die einstigen Unberührbaren genannt werden. Sie bilden zusammen mit Angehörigen anderer niederer Kasten laut der Wochenzeitung „Outlook“ 76 Prozent der Bevölkerung. Ein „Creamy Layer“, eine „Sahneschicht“ von neun Millionen Haushalten hält dagegen nicht nur die Zügel der Privatwirtschaft in den Händen. Aus dieser Schicht kommen auch viele der jungen Leute, die dank guter Ausbildung in der boomenden Privatwirtschaft des Landes eine Anstellung finden.

Kein Wunder, dass auf dem Subkontinent bereits seit Jahren eine Art „Ausbildungsklassenkampf“ tobt. Indiens Regierung richtete schon vor Jahren Quoten für Inder ein, die wegen ihrer sozialen Herkunft als benachteiligt gelten. Als Politiker der regierenden Kongress-Partei im April den Vorschlag machten, die Quoten für sozial benachteiligte Kasten an den Universitäten weiter zu erhöhen, hagelte es Proteste.

Wochenlang gingen angehende Ärzte an staatlichen Hospitälern in den Streik. Ihr Argument gegen die Quotenanhebung: Kenntnisse und Fähigkeit würden vernachlässigt, bei gleicher Zahl an Studienplätzen würde die Qualität der Hochschulabgänger zwangsläufig sinken.

Die 26-jährige Aditi Gosavi aus der Stadt Pune versteht das Dilemma der Regierung. „Das Problem ist, dass Leute mit besseren Schulzeugnissen keinen Studienplatz bekommen, weil sie nicht zu den unteren Kasten gehören“, sagt sie. Aus ihrem Jahrgang versuchten 90 Prozent der Schüler, einen Studienplatz zu finden, der die Türen zur Informationstechnologie-Branche öffnen würde. Die 26-Jährige entschied sich für Philosophie und Deutsch und fand einen Posten beim „Deutschen Akademischen Auslandsdienst“ (DAAD) in der Hauptstadt Neu-Delhi.

Ihre 24-jährige Kollegin beim DAAD, Prashasti Rastoki, studierte dagegen in Delhi Informationstechnologie. Heute ist die Ehefrau eines Mediziners jedoch froh, dass sie dank ihrer Deutschkenntnisse Arbeit beim DAAD fand. Denn auch in der IT-Industrie ist die Konkurrenz inzwischen so groß, dass es schwierig wird, Arbeit zu finden.

Viele Hochschulabsolventen landen erst einmal in den „Call-Centern“ - den Betrieben, in die europäische und nordamerikanische Unternehmen von Serviceleistungen bis zur Marktforschung Firmenteile ausgliedern, weil die Löhne in Indien weitaus geringer sind.



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